Zärtlichkeit ist eine Lebenseinstellung von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Zärtlichkeit ist eine Lebenseinstellung

Sie, zu ihm: Ich hab' dir alles hingegeben:
mich, meine Seele, Zeit und Geld.
Du bist ein Mann – du bist mein Leben,
du meine kleine Unterwelt.
Doch habe ich mein Glück gefunden,
seh' ich dir manchmal ins Gesicht:
Ich kenn' dich in so vielen Stunden –
nein, zärtlich bist du nicht.
Du küßt recht gut.
Auf manche Weise
zeigst du mir, was das ist: Genuß.
Du hörst gern Klatsch. Du sagst mir leise,
wann ich die Lippen nachziehn muß.
Du bleibst sogar vor andern Frauen
in gutgespieltem Gleichgewicht
man kann dir manchmal sogar trauen . . .
aber zärtlich bist du nicht.
O wärst du zärtlich
Meinetwegen kannst du sogar gefühlvoll sein.
Mensch, wie ein warmer Frühlingsregen
so hüllte Zärtlichkeit mich ein!
Wärst du der Weiche von uns beiden,
Wärst du der Dumme, Bube sticht.
Denn wer mehr liebt, der muß mehr leiden.
Nein, zärtlich bist du nicht.


Was Kurt Tucholsky 1931 in seinem Gedicht eine Frau beklagen lässt, ist heute so gültig wie vor 50 Jahren: Zärtlichkeit ist nicht gefragt. Man gibt sich lieber hart, ausgebufft, cool.
Zwischen Beton und Stahl, glitzernden Flugzeugrümpfen und schimmernden Autokühlern wird nicht viel gestreichelt.
Viele von uns verspüren Angst vor der Zärtlichkeit.
Die Sache könnte abrutschen in Sentimentalität oder Lächerlichkeit, und vor allem: Man könnte Schaden davon tragen. „Wer mehr liebt, der muß mehr leiden . . .“
Egal, ob Zärtlichkeit gegeben oder nur hingenommen wird, in jedem Fall ist es nötig, sich auszuliefern, den Panzer beiseite zu lassen.

Es erinnert an den Einsiedlerkrebs. Der besitzt ein weiches, überaus empfindliches Hinterteil, das er, mangels eines eigenen Panzers, in einem leeren Schneckenhaus versteckt.
Dann wächst der Krebs. Und wird das alte Schneckenhaus zu eng, macht sich er sich auf die Suche nach einem größeren. Hat er eins gefunden, kommt ein spannender Augenblick – der des Umzugs.
Wenn unser Einsiedlerkrebs Pech hat, dann haben andere Unterwassertiere sein Vorhaben bemerkt und sitzen erwartungsvoll daneben, sozusagen mit umgebundener Serviette.
Sie wollen den armen Kerl mit einem Biss von allen Problemen mit seinem zarten, weichen, schrecklich leckeren Hinterteil befreien.

Auch wir panzern gerne unsere Zartheit (es muss sich dabei durchaus nicht immer ums Hinterteil handeln, um eine zarte Seele wickeln wir genauso furchtsam meterweise Stacheldraht), aus Angst, gefressen zu werden.
Wer Angst hat, kann sich nicht hingeben, auch wenn er gerne möchte.
Zärtlichkeit erfordert tatsächlich Mut – man muss stark sein, um weich sein zu können.
Oft sind wir es einfach nicht gewöhnt.
Unsere Eltern haben uns oft wenig Zärtlichkeit gegeben, weil sie selbst diese Angst hatten und weil sie glaubten, so viel Geschmuse sei gar nicht gut für uns.
Eine reichlich verklemmte Einstellung zur Sexualität sowie ein rührendes Vertrauen in Hygiene und Sterilität zeichnete die Generation der 50er, 60er Jahre aus.
Man gab lieber eine ausgekochte Plastikflasche als die bazillenverseuchte (und sittlich auch irgendwie nicht einwandfreie) Mutterbrust.
Als vor nicht allzu langer Zeit eine Elternzeitschrift mehr Zärtlichkeit für Neugeborene forderte, schrieb eine erboste junge Mutter in einem Leserbrief, sie sei doch nicht so vorsichtig und verantwortungsbewusst, jeden Gegenstand zu sterilisieren, der mit ihrem Baby in Berührung käme, um dann alles zunichte zu machen, indem sie es beim Küssen mit Bakterien überschwemme . . .
Gerade kleine Jungen, mehr noch als Mädchen, werden ab einem bestimmten Alter merklich weniger geknuddelt und auf den Schoß genommen – sie sollen schließlich harte Männer werden und ein dickes Fell bekommen.
Wer dauernd gestreichelt wird, hat wenig Chancen, dass sich eine Hornhaut über seiner Sensibilität bildet.

In seinem sehr schönen Buch „Die hohe Schule der Zärtlichkeit“ stellt Norbert Wölfl eine Verwechslung richtig: In der Umgangssprache bezeichnet man oft einen Menschen als „sensibel“, der anfällig, schwächlich, weinerlich und labil ist.
Das ist falsch.
Sensibel bedeutet nicht empfindlich, sondern einfühlsam.
Dazu, glaubt Wölfl, müssen die Sinnesorgane erzogen werden. Ein abgestumpfter, unsensibler Mensch erlebt Zärtlichkeit wie durch Winterkleidung hindurch.

Der Hautkontakt allein ist wichtig genug; schließlich handelt es sich bei der Haut um unser größtes Organ, beim Erwachsenen etwa 1,6 Quadratmeter groß und von rund 80 000 hochempfindlichen sowie 640 000 weniger empfindlichen Nerven durchsetzt, ein Sinnesorgan, das Wärme, Kälte, Druck, Schmerz und Kitzeln an die Nervenzentren weiterleitet.
Es ist erwiesen, dass Babys, die oft gestreichelt und geherzt werden, gesünder und ausgeglichener sind und seltener an Hautkrankheiten leiden.
Aber Zärtlichkeit bezieht sich darüber hinaus auf alle Daseinsbereiche, ist eine Lebenseinstellung.
Wölfl zitiert den Pfarrer einer Fernsehpredigt: Segnet die Kinder. Wie geht das? Seid freundlich und denkt Gutes von ihnen, auch wenn sie einmal laut sind.“
In diesem Segen liegt eine zärtliche Gesinnung.
Sie beschränkt sich nicht einfach auf Streicheln und andere direkte Berührungen, so wichtig diese auch sein mögen.
Ein freundliches Lächeln, ein nettes Wort ganz ohne besonderen Grund gehören dazu.
Wer diese Haltung erst einmal gefunden und mit Überzeugung angenommen hat, der ist nicht nur gegenüber Menschen und Tieren, sondern auch gegenüber Sachen „zärtlich“.
Er vernichtet nicht mutwillig Bäume und Pflanzen, er randaliert nicht und zerstört kein fremdes Eigentum.

Wölfl gibt zu, dass er ein Spektrum skizziert, das weit über den landläufigen Zärtlichkeitsbegriff hinausgeht. Er stellt selbst die Frage, ob denn Zärtlichkeit im weitesten Sinne gleichbedeutend sei mit Religion und Liebe, und antwortet: Nein. Ist Liebe eine Pflanze, dann ist Zärtlichkeit ihre Blüte.
Der Glaube kann Berge versetzen und die Liebe wohl auch. Aber ein Glaube ohne Zärtlichkeit kann Fanatismus sein und morden; die Liebe ohne Zärtlichkeit eifert und will besitzen, sie macht zuweilen blind.

Der Engländer Desmond Morris, der den „nackten Affen“ – den Menschen nämlich – untersucht hat, fand heraus, dass es zwölf Stufen oder Ebenen der menschlichen Annäherung gibt. Angefangen beim Augenkontakt, der ersten Berührung der Hände, über Küsse und Streicheln bis hin zur körperlichen Liebe.
Auf dieser „Pyramide der Zärtlichkeit“ bewegt man sich normalerweise gemächlich bis zum Gipfel, immer wieder abgesichert durch Anfrage, genaue Beobachtung des Partners, ob dies noch erlaubt sei, ermutigt durch Zustimmung oder zurückgewiesen durch unmissverständliche Signale.
Der Zeitraum, in dem sich das abspielt, kann zwischen wenigen Stunden oder einigen Jahren liegen.
Das rasend schnelle Durchlaufen von der ersten bis zur zwölften Stufe ohne Rücksicht auf irgendwelche Signale der Abwehr ist die Vergewaltigung – da bleibt die Zärtlichkeit auf der Strecke, mehr noch, sie wird geradezu abgemurkst.
Eine andere traurige Variation ist die Rückentwicklung der Pyramide in so manchem Ehealltag; zuerst artet die Sexualität zu einer Pflichtübung aus und unterbleibt dann ganz.
Zwei Menschen, die einmal innig miteinander verbunden waren, fassen sich schließlich kaum noch an. Körperkontakte brechen ab, Küsse werden pappig, spärlicher und hören auf.
Die Unterhaltung beschränkt sich auf sachliche Mitteilungen.
Damit ist die dritte Stufe der Pyramide schon unterschritten: Die beiden sind bereits keine Freunde mehr, allenfalls Bekannte.
Man geht sich aus dem Weg und vermeidet den direkten Blickkontakt, das Sich-in-die-Augen-Sehen der zweiten Stufe. Am Ende ignoriert einer den anderen, möglicherweise wird sogar ein Blick als aufreizend empfunden und kann zur Aggression führen: „Was starrst du mich eigentlich so an?!“

Norbert Wölfl versichert tröstend, die Pyramide der Zärtlichkeit sei keine Einbahn-Straße.
Man kann auf ihr rauf- und runterklettern, von Freundschaft zu Liebschaft und wieder zurück, sofern nur die beiden Kletternden Einigkeit über die gemeinsam angestrebte Ebene erreichen.

Behutsamkeit ist empfohlen; wer das Verhältnis zu einem anderen Menschen ändern will, darf nicht mit Forderungen beginnen.
Die Bestimmung des eigenen Standortes – und vielleicht die Änderung der eigenen Person – ist der erste Schritt zu einer neuen Zärtlichkeit.
Autor Wölfl sieht mit einiger Hoffnung in die Zukunft. Wir stellen seiner Ansicht nach gerade fest, dass uns etwas Wesentliches fehlt – die Nähe zu uns selbst und zum Nächsten. Wir achten wieder mehr auf Dinge, die sich in uns abspielen.

Die Einheit von Körper, Geist und Seele ist keine leere Formel, sondern die Voraussetzung für eine Harmonie, die jeder bewusst oder unbewusst anstrebt. Zunächst einmal empfiehlt Wölfl seinem Leser, zärtlich zu sich selbst zu sein. Wer sich selbst nicht liebt, akzeptiert und mag, kann auch seinen Nächsten nicht akzeptieren, mögen und lieben. Was man nicht besitzt, das kann man nicht weiterschenken.
So schließt sich der Kreis. Die verlorene Zärtlichkeit, die jemand für sich selbst wiederentdeckt hat, strahlt aus. Zunächst auf seine engere Umgebung, dann auf andere Menschen und schließlich auf die Welt, in der erlebt.

Es gibt tausend Möglichkeiten, Zärtlichkeit zu vermitteln: durch Blicke und Gesten, durch Worte oder ein Lächeln, durch die ganze Haltung gegenüber einem anderen Menschen.
Doch was immer jemand sagt oder andeutet, es gelangt nur auf Umwegen ans Ziel: zerlegt in Millionen von Einzelinformationen, die von Auge und Ohr gefiltert, registriert und gefärbt werden, bevor sie in mehreren voneinander unabhängigen Zentren unseres Gehirns zu einem angenehmen Eindruck zusammengesetzt und an das Gefühl weitergegeben werden.

Dieser Umweg über den Verstand ist ein Preis, den wir für unseren rasanten Aufstieg zum Homo sapiens zahlen müssen. Gegen den Verstand als oberste Kontrollinstanz ist natürlich nichts einzuwenden. Er muss sich weiterentwickeln, weil menschliches Zusammenleben immer differenzierter wird.
Ganz am Anfang genügten wenige Riten und Tabus, um sozial unerwünschtes Verhalten zu kontrollieren. Heute leben auf der Erde knapp fünf Milliarden Menschen – das mit dem reibungslosen Miteinander ist auch durch komplizierteste, schriftlich festgehaltene Verhaltensregeln nicht mehr zu garantieren, die Verstandeskontrolle also notwendig
Aber sie hat uns verzweifelt kopflastig gemacht.
Wahrscheinlich klingt es im ersten Moment ein bisschen albern, wenn es um so ernsthafte Probleme geht: Zärtlichkeit in Politik und Weltwirtschaft?
Ja, sollen die sich etwa gegenseitig unterm Kinn kitzeln?
Aber so, wie Norbert Wölfl diese Kraft versteht, geht es um eine Grundhaltung, die in jeder denkbaren Art von Miteinander hilfreich sein kann. Wir müssen nur den Mut dazu haben…

Erschienen in Für Sie