Wer hat da Ödipus gesagt? von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Wer hat da Ödipus gesagt?

Es ist noch gar nicht so lange her, da war es Sitte und Regel, dass ein etablierter Herr sich seine Lebensgefährtin von allen Seiten betrachtete und kopfschüttelnd feststellte, sie passe nicht mehr zum kostspieligen Inventar. Dann ließ er sich scheiden und nahm sich eine knackige Zwanzigerin oder noch was Jüngeres.
„Nun schau dir diesen Kerl an, pfui Teufel auch!“ sagten die Nachbarn anerkennend, „die zweite Gattin ist jünger als seine älteste Tochter. Aber na ja, Gertrud sah wirklich schon etwas schlaff aus, und sie guckte immer so trübe...“

Da hat sich gewaltig was geändert. Gertrud guckt heute nicht mehr trübe.
Sie ist es, die sich scheiden lässt, sich mit Volldampf selbstverwirklicht, ein Studium nachholt, eine Karriere aufbaut und sich – ja! – einen knackigen jungen Zwanziger angelt.
Dazu sagen die Nachbarn vor Schreck überhaupt nichts mehr.
Aber es kommt so häufig vor... nicht nur bei etlichen prominenten Damen.
Ein Mann, der sieben, elf, fünfzehn Jahre jünger ist – na und?
Zwar geht das hier und da auch wieder kaputt, aber nicht häufiger und schneller als im umgekehrten Fall, wenn er alt und sie jung ist. Und vieles hält auch erstaunlich lange...
Wie kommt denn das?

Zunächst mal das Begehren; Frauen haben auch Augen im Kopf. Warum sollen sie sich nicht optisch orientieren? „Ein Mann muss nicht immer schön sein“, dieser Spruch ist ganz alt und kann eingestampft werden.
Was hat er denn schon groß zu bieten, das Mutter nicht selber kann?
Fein, er hat Verstand, Charakter und Erfolg, aber darüber verfügt sie auch. Und warum hält er es für selbstverständlich, dass er deshalb nun sein Doppelkinn über die Kaffeetasse hängen lassen darf?
Sehen Sie sich mal unverbindlich einen erfolgreichen Herrn und eine Karrierefrau so um Vierzig an – wer sieht appetitlicher aus?
Wer hat die tieferen Runen im Gesicht, die dickeren Tränensäcke und den verkniffeneren Mund?
Oder, mal so gesagt: Wer achtet auf Schönheitsschlaf, geht regelmäßig zum Friseur und zur Kosmetik und betreibt entspannende Gesichtsmassagen? Dagegen: Wer inhaliert schwarze Zigarren, trinkt mehr, als er sollte, nascht heimlich viel zu viel Kognakbohnen und kaut jetzt schon Ginsengwurzeln, aus Angst, nicht mehr der alte Tarzan zu sein?

Männer sehen gut aus, solange sie studieren oder sich „das Leben anschauen“ – kurz gesagt, solange sie es noch nicht weit gebracht haben.
Wenn sie erst mal loslegen und sich das Ihre zusammenschuften, kann man Gift darauf nehmen, dass sie keine Zeit mehr haben, am Expander rumzufummeln. Nach zwanzig Jahren intensiver Anstrengung und schließlichem Erfolg zeigen sie häufig schon Hängebacken und einen schütteren Haaransatz.

Männer, das muss man sich mal vor Augen halten, sind ja immer noch die Herren der Welt und haben es nicht nötig, so wie wir, bei allem auch noch dauernd blendend auszusehen.
Eine wirklich erfolgreiche Frau muss, um nicht als Mannweib oder miese Emanze abgestempelt zu werden, gleichzeitig von oben bis unten gepflegt sein und leise von unterschwelligem Sex vibrieren.
Das ist anstrengender, gewiss, aber dafür leben wir ja auch länger – statistisch gesehen.

Und dann das Vermögen.
Männer, das hat die Wissenschaft noch nicht korrigiert, stehen mit zwanzig auf dem Höhepunkt ihres sexuellen Schaffens – Frauen gehen ab dreißig richtig in die Kurve.
Früher gab es da die schöne Mär von der atemberaubenden Erfahrung, die sich so ein bemoostes Haus im Laufe vieler Bocksprünge angeschafft hatte.
Seit wir nicht mehr glauben, dass ein gutes Mädchen ein keusches Mädchen ist, und selbst dies und das in Erfahrung gebracht haben, wissen wir es besser.

Was nützt das angesammelte Können, wenn der Senior es nur noch so zweimal in der Woche zur Anwendung bringen kann?
Und überhaupt: Ich will nicht wissen, wie es einhundertzweiundfünfzig Frauen vor mir gern haben wollten. Ich will es so gemacht kriegen, wie es mir gefällt, und das kann ich einem Frischling besser erklären.
Zumal der mir nicht widerspenstig erzählen wird, er habe aber anno '69 in Monte Carlo gerade mit dieser Stellung rauschenden Beifall erzielt..

Das ist das nette an den jungen Männern: Sie widersprechen nicht so viel wie die alten. Sie respektieren unsere Lebenserfahrung und halten brav den Schnabel, wo ein Mann in den sogenannten besten Jahren seinen Standpunkt vertritt und vertritt und vertritt, bis die Spucke schäumt.

Sehen Sie sich den Mann an Ihrer Seite mal an. Passt er eigentlich noch zu Ihrem teuren Inventar?

Erschienen in Cosmopolitan