Vita von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert

Über mich

Mein Vater war Journalist, Filmproduzent, Schriftsteller, Liedertexter und so weiter. Ganz ab und zu tauchte der große Durchbruch am Horizont auf, entschloss sich aber dann doch, woanders hin zu gehen.

Meine Mutter war hübsch, charmant und schwierig. Dass wir trotz allem meistens Miete und Lebensmittel aufbringen konnten, verdankte unsere kleine Familie oft nur ihrer Tüchtigkeit. Sie arbeitete in großen Hamburger Modehäusern als erste Verkäuferin. Kleider waren unendlich wichtig für sie. Sie konnte tagelang hungern, um sich einen bestimmten Fummel zu kaufen. Wenn ich sie in den Jahren vor ihrem Tod im Heim besuchte, achtete ich streng darauf, von oben bis unten gestylt zu sein und vor allem ein Kleid oder einen Rock zu tragen, bloß keine Hosen…

Geboren wurde ich an der Ostsee, in Grömitz, aufgewachsen bin ich in Hamburg und teilweise in Schleswig-Holstein.
Da ich an das vergebliche Hoffen auf den großen Durchbruch in einem völlig unsicheren Beruf gewöhnt war, steuerte ich in aller Seelenruhe dieselbe Laufbahn an.
Ich hatte nur mehr Glück.

Volontiert hab ich bei einer Fernsehzeitschrift im Jahreszeiten-Verlag.
Hinterher einige Monate in London verbracht – eigentlich in der Absicht, von dort Artikel für Hamburger Redaktionen zu schreiben. Das funktionierte nicht sehr gut. Um am Leben zu bleiben spülte ich außerdem in einem indischen Restaurant Geschirr und verkaufte Eis auf dem Trafalgar Square.

Zurück in Hamburg fand ich zu meiner Überraschung keineswegs sofort einen guten Job in einer Redaktion.
Also arbeitete ich erst mal als Schuhverkäuferin (in der Herrenabteilung), bediente in Nachtschicht mehrere Fernschreiber und machte eine Woche lang die Buchhaltung für eine aufstrebende Getränkefirma. Der Chef entdeckte rechtzeitig, was ich da anrichtete, lud mich zum Essen ein und riet mir ganz nett, doch lieber in einem kreativen Beruf zu arbeiten.
Das nahm ich mir zu Herzen. Ich schrieb Kurzgeschichten für Zeitschriften, Gruselgeschichten für den NDR und Märchen, um meine Eltern aufzuheitern.

Und weil ich offenbar die Gabe habe, im richtigen Moment auf die richtigen Menschen zu treffen, die Jemanden kennen, der Jemanden kennt, arbeitete ich bald auch wieder journalistisch.
Dabei stellte ich fest, dass ich krank wurde, sobald ich täglich in Redaktionen sitzen musste. Es war der Zwang, der mir zusetzte.
Vermutlich deshalb hatte ich auch mindestens ein Drittel meiner Schulzeit durch Krankheit verpasst. Ich kann großartig arbeiten, solange es freiwillig geschieht. Unter Druck streiken meine Körperzellen.

Nahezu gleichzeitig mit dem Entschluss, lieber als freie Journalistin zu arbeiten, heiratete ich einen Jurastudenten, der innerhalb ziemlich kurzer Zeit zu einem höchst erfolgreichen Anwalt wurde.
1979 kam unser Sohn Arne zur Welt, sehr zum Ärger meiner Mutter, die sich ausdrücklich eine Enkeltochter gewünscht hatte. (Mädchen kann man hübscher anziehen.)

Mehr als zehn Jahre lang machte ich die erstaunliche Erfahrung, dass man immer noch mehr bekommt, wenn man sowieso schon viel hat.
In dieser Zeit arbeitete ich für COSMOPOLITAN und den STERN, JOURNAL FÜR DIE FRAU und die FÜR SIE und ich erhielt beachtliche Honorare. Mitte der 70er bis Mitte der 80er war wohl eine Zeit, in der Zeitschriftenredaktionen es sich leisten konnten, großzügig zu sein.
Ich flog nach München und Berlin und London und Paris und Stockholm, durfte ganz selbstverständlich in erstklassigen Hotels übernachten und sprach mit Personen wie Petra Kelly – damals noch im Bundestag in Bonn – Astrid Lindgren oder Cynthia, der ersten Frau von John Lennon, deren Sohn Julian damals gerade mit einem Lied in den Hitparaden auftauchte.

Mein Mann und ich kauften uns ein Haus mit eigenem Strand am Lake Huron in Kanada und flogen jeden Sommer dorthin.
Ich führte zweifellos genau das, was man ein ‚interessantes Leben‘ nennt, aber ich kam mir manchmal vor wie die leibhaftige Daisy Buchanan aus dem Großen Gatsby – ein bisschen unwirklich…

Mein Mann kannte aus Studententagen den Ohnsorg-Schauspieler Jürgen Pooch; die beiden hatten zusammen in einer Kneipe gejobbt. Jürgen war der Ansicht, ich könnte ein Theaterstück schreiben. Er wollte es gern ins Plattdeutsche übersetzen. In meinem letzten Sommer am Lake Huron schrieb ich also einen Vier-Akter, völlig aus Versehen: niemand hatte mir erzählt, dass eine normale Boulevard-Komödie aus drei Akten besteht.
Jürgen machte das Stück platt und übergab es dem Intendanten, Walter Ruppel. Und dem gefiel es gut genug, um es einzuplanen.

Einige Monate später begegnete mein Mann der Frau seines Lebens.
Da sie bald darauf auch schon schwanger wurde, trennten wir uns und ich landete mit einem Plumps in der Realität.
Glücklicherweise wurde in der Spielzeit 1988/89 mein Stück am Ohnsorg-Theater aufgeführt. Glücklicherweise spielte ausgerechnet Heidi Kabel die Hauptrolle, was angenehme Zuschauerzahlen versprach. Glücklicherweise kam das Stück ins Fernsehen. Diese Honorare waren für meinen Sohn und mich die Rettung.
Darüber hinaus konnte ich uns ganz gut über Wasser halten durch das Texten von Katalog-Seiten und Kurzkrimis für Illustrierte.

Als Arne 13 war hatten wir beide gleichzeitig keine Lust mehr, in der Stadt zu leben. Wir zogen nach Schleswig-Holstein, wo wir uns bedeutend wohler fühlten.
Drei Jahre später heiratete ich zum zweiten Mal, einen Mann, der sich in seiner freien Zeit zauberhafte mystische Geschichten oder heitere Kriminalromane ausdenkt. Einen einzigen Krimi hat er bis jetzt veröffentlicht – und ein Buch mit gesammelten Kurzgeschichten herausgegeben.
Vieles, gerade in der letzten Zeit, schreibt er überhaupt nicht mehr auf; er erzählt es mir nur. Das sind wunderbare, oft urkomische Phantasiegebilde, bei Spaziergängen, Autofahrten oder in unserem Urlaub alleine für meine Ohren bestimmt…

Was hab ich in den letzten zwei Jahrzehnten noch gemacht, außer meinem Mann zugehört?

Die Werke geschrieben, die in der Gesamtübersicht zu finden sind – und noch viel mehr.
Es gibt eine ganze Menge bisher unveröffentlichter Sachen.
Ich schreibe Tagebuch, täglich. Ich schreibe ziemlich viele Mails – und früher, zur Zeit der Gänsefeder, schrieb ich lange Briefe.
Vielleicht leide ich an nervösem Schreibzwang? ?

Ich mache immer noch Journalismus.
Ich lerne.
Wenn ich einen Film gesehen habe, der in einer vergangenen Epoche spielt, muss ich mich anschließend ins Internet bohren, um rauszukriegen, ob es wirklich so war – oder an irgendeiner Ecke anders.
Wenn ich ein gutes Buch lese, muss ich wissen, wer der Autor ist oder war, wo er lebte, wie er aussah, wie seine Schwester aussah und was er in seinem Garten anpflanzte.
Eine Frage ergibt sich aus der anderen und jede Antwort ist aufregend.
Ich weiß nicht, wie ich vergnüglich leben konnte, bevor es das Netz gab mit dieser Fülle von Wissen und Texten und Bildern und Musik.

Ach ja, und dann bin ich auch noch fromm.
Es hat ja keinen Sinn, es zu leugnen.
Meine Ausbildung zur Prädikantin (so was wie Laienpredigerin) hat drei Jahre gedauert, inzwischen halte ich richtige Predigten in einer richtigen (und besonders schönen) Kirche.
Mein Vater war ein Agnostiker, der freiwillig in keine Kirche ging, aber der hat das sowieso nicht mehr erlebt.
Meine Mutter pflegte eine sehr eigenwillige Mischung aus Glauben und Aberglauben, wie es gerade passte. Sie missbilligte jedoch scharf meine Kirchenlaufbahn, angefangen bei der Tatsache, dass ich ehrenamtlich agierte. Sie fand, wenn ich so viel Zeit aufbrachte, die nicht einmal bezahlt wurde – könnte ich mich stattdessen lieber mit ihr unterhalten.