Stefan Waggershausen von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Traum–Männer aus der Nähe (3. Folge)


Stefan Waggershausen

ein Mann mit Power und Seele
Dass ich das Taxi bezahle, geht Stefan schrecklich auf die Nerven.
Mein Einwand, ich hätte ihn schließlich eingeladen, tröstet ihn auch nicht.
Er bittet sich energisch aus, den Rest des Abends zu spendieren.

Wenn er böse ist, zeigen sich zwischen den breiten dunkelblonden Augenbrauen zwei drohende Falten, die rechte ist besonders tief und bildet ein drolliges Gegenstück zu dem langen, tiefen Grübchen in seinem Kinn.

Ich habe ein griechisches Restaurant ausgewählt, weil Stefan mir am Telefon sagte, er liebe die Mittelmeerküche.
Er strahlt nicht, oh nein. Auch auf keinem seiner Fotos, die ich kenne, lächelt er. Doch, manchmal lacht er, ganz kurz, das gilt durchweg seinen eigenen Bemerkungen. Damit will er etwaige Frechheiten mildern und Ironie verdeutlichen.
Als mir das breite wollene Band um sein Handgelenk auffällt, frage ich: „Soll das hübsch sein, oder ist das gegen Rheuma?“ Stefan dreht das Band vor seinen Augen und antwortet mit sanftem Sarkasmus, er hätte es tatsächlich für hübsch gehalten. Später stellt sich heraus, dass er dieses Band oder lieber noch ein anderes als eine Art Talisman umbindet.

Stefan knabbert am Tintenfisch und beantwortet ungern meine Fragen. Welches Tier würde er gern sein?
Ein Adler.
In welchem Jahrhundert gerne leben?
In allen Epochen ein paar Jahre.
Ist er religiös?
Nicht traditionell.
Seine Lieblingsfarbe?
Schwarz und Tiefrot.
Lieblingstageszeit?
Nachts.
Lieblingsstadt? –
Berlin, Rom, Paris.
Denkt er gern an seine Kindheit?
Stefan verdreht die Augen, schiebt den Teller beiseite und seufzt.

Er hat sechs Monate harte Arbeit und Tournee hinter sich, dies ist das allerletzte Interview vor seinem Urlaub. Er hat es satt bis obenhin, aber es gehört zum Job.
Also, wie war das – Kindheit, ja?
Nun, er würde gern noch mal Kind sein, um nachzuholen, was er verpasst hat. Im Übrigen mag er Kinder sehr gern, die sind jedenfalls ehrlich und mögen ihn auch meistens.

Während er redet, dreht und wendet er immer irgendetwas in seinen hübschen und feingliedrigen Händen, zum Beispiel eine Zigarette.
Die muss gar nicht angezündet sein, er nimmt eine aus der Packung und benutzt sie minutenlang als Taktstock zu seinen Worten, bevor er zur Streichholzschachtel greift.
Aber auch die gelbe Rose, die ich ihm mitgebracht habe, lässt er nicht los, bis sie kaputt ist. Um ehrlich zu sein: er hat sie totgeschmust, gestreichelt, gedrückt, alle Blätter nach unten umgeschlagen, die ganze große Blüte geknautscht und immer wieder daran geschnuppert.

Das Verhältnis zu seiner Mutter?
Gut, danke.
Geschwister?
Ein jüngerer Bruder, der ihm ähnlich sieht und mit dem er sich gut versteht. Hätte er gern eine Schwester gehabt?
Doch, ja, das wäre praktisch gewesen. Mädchen sind ja für viele Sachen gut zu gebrauchen, Knöpfe annähen und so was – er beobachtet neugierig, wie ich wohl auf diese Macho-Bemerkung reagiere.
In welchem Alter fing er an, sich für Mädchen zu interessieren?
So mit 13 hat er noch lieber Fußball gespielt, mit 15 merkte er, dass sich Mädchen lieber in Discos aufhalten als auf dem Fußballplatz.
Er kaufte sich eine Gitarre und zerstörte damit – er lächelt leicht – eine glanzvolle Fußballerkarriere.
Ich frage nach seiner Einstellung zu Treue und Eifersucht.
Er schöpft abermals tief Atem, antwortet aber ergeben: „Also, wenn ich jemand wirklich liebe, wenn ihr Name mir Tag und Nacht im Kopf rumgeht und ich immerzu an sie denke, dann bin ich mit Sicherheit auch treu.“
Ich wende ein, der Zustand, den er beschreibt, entspreche doch mehr dem akuter Verliebtheit – und werde angefaucht: „Das hast du von deinen Fragen! Wenn ich kurz was antworte, kann es doch nur ungenau werden – wenn ich ernsthaft antworte, brauchte ich mehr Platz und müsste es selber schreiben!“
Er ist sehr böse jetzt, die tiefliegenden Augen glänzen ganz schwarz, der weiblich-süße Mund mit der schmollenden Unterlippe ist zusammen gepresst.

Ich starre ihn erschrocken an, packe meinen Kugelschreiber und das Papier weg, löffele stumm mein Eis und überlege, ob es empfehlenswert wäre, in Tränen auszubrechen, aber es reicht so schon: Stefan ruckt unruhig mit den Schultern in seinem Pullover hin und her.
„Bist du jetzt etwa beleidigt?“
Er entschuldigt sich nicht, im Gegenteil, er betont, dass er sich für so was nicht entschuldige, denn er stehe zu seiner Überzeugung.
Aber da er im Zeichen der Fische geboren ist (die zum Mitleid neigen, sogar die Raubfische), wird er nun bedeutend netter.
Es ist ein bisschen als käme der liebe Stefan, um mich vor dem bösen Stefan zu beschützen.
Er hatte mich ja gewarnt; er sei jähzornig, zerschlage dann auch Gegenstände.

Die Stimmung ist entspannter, seit ich mein Schreibzeug weggeräumt habe. Wir beschließen, noch in eine Kneipe zu gehen, auf ein Glas Wein.
Ich frage ihn, ob er jemals gern für einen Augenblickeine Frau gewesen wäre Sein „Nein“ kommt aufrichtig und nahezu emphatisch.
Er fügt sofort hinzu, nicht dass er Frauen nicht liebe und bewundere, sie hätten dieselbe Ehrlichkeit, die er an Kindern schätzt, seien viel ursprünglicher, intuitiver.
Intuitiv ist er selber, auch sensibel, das weiß jeder, der sich seine Texte anhört. Trotzdem strahlt er die fast düstere Männlichkeit eines Sizilianers aus, und er benimmt sich gar nicht unähnlich: Obwohl er zum Beispiel darauf besteht, zu zahlen (Männersache!), hält sich seine Ritterlichkeit sonst in Grenzen.
Über eine sehr belebte Straße marschiert er flott voran, wendet noch nicht mal den Kopf, um zu sehen, ob ich vielleicht überrollt worden bin, und er hilft mir weder in noch aus dem Mantel.
In der Kneipe sitzen wir dichter nebeneinander und finden nun auch gemeinsame Interessen. Zum Beispiel mögen wir beide Bücher über König Artus – Stefan hat auf die Frage, welche historische Persönlichkeit er gern gewesen wäre, geantwortet: „Merlin, Zauberer des Artuskreises.“
Wovor hat er Angst?
„Früher hatte ich viele Ängste, aber jetzt eigentlich gar keine mehr. Ich habe sie alle überwunden, glaube ich. Die meisten Leute haben Angst vor der Angst, verdrängen sie und wollen sie nicht wahrhaben. Aber man muss den Kampf annehmen, die Angst einkreisen . . .“

Heute gefallen ihm wilde Tiere und kleine Katzen.
Er würde gern mal an einer Raubtiernummer teilnehmen, nicht als Mutprobe, sondern weil ihm Raubtiere so gefallen.
„Aber den Kopf würde ich ihnen nicht in den Rachen stecken – oder findest du, das gehört sich so?“
Vermutlich liebt er die Grazie der großen Katzen, wie er auch kleine Katzen liebt; seinem Kater „Bogart“ versucht er bislang vergeblich beizubringen, wie Humphrey zu gucken.
Auch Pferde mag er sehr, obwohl er kein sonderlich geübter Reiter ist: „Ich bin ganz froh, wenn ich mich im Sattel halten kann.“
Hunde?
Na ja! Er ist als Kind häufiger gebissen worden.
Ich kann mir aber vorstellen, dass sie auch am wenigsten sein Bedürfnis nach ästhetischer, anmutiger Schönheit befriedigen.
Beim Stichwort „Schönheit“ kommen wir auf Frauen.
Welcher Typ gefällt ihm am besten?
Er beschreibt Traumwesen wie Nastassja Kinsky und seine Gesangspartnerin Alice, großäugige, langhaarige, zarte Geschöpfe.
Als ich das sage, fügt er sofort hinzu, auch Katherine Hepburn gefalle ihm: Er sei doch noch oberflächlich!

Stefan Waggershausen wirkt abwechselnd nachdenklich, verträumt, grüblerisch und dynamisch-heiter.
Alle halbe Stunde etwa möchte ich ihn fragen, ob er plötzlich traurig ist – aber das vergeht dann wieder. Stimmungen scheinen ihn zu überschwemmen, er gibt dem nach und behält alles gut in der Hand, er arbeitet damit, steckt sicher etliches davon in seine Lieder.
„Ich möchte noch viel machen und kann viel machen“, sagt er, „ich fühle so viel Power in mir, das muss alles raus!“
Breitbeinig und ziemlich fest steht er in einer chaotischen Welt aus Schwarz und Blutrot, Apokalypse und Märchen.
Ein verzauberter Prinz einerseits, der von Engeln singt. Und andererseits ein ganz nüchterner Geschäftsmann mit misstrauischen Augenbrauen.

Erschienen in Für Sie