Sie können alles, wenn Sie wirklich wollen von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Sie können alles, wenn Sie wirklich wollen

Als wir uns Sprüche „zum Gedenken“ ins Poesiealbum schrieben, habe ich immer wieder mit besonderer Begeisterung meinen Lieblingsvers hingemalt:

„Ich will.
Dies Wort ist mächtig, spricht's einer ernst und still.
Die Sterne reißt vom Himmel
Das eine Wort: Ich will!“

Und dann habe ich rosa Wölkchen und Blümchen drum herum gerankt.

„Aber ich kann das doch nicht . . .“ „Aber das geht doch nicht . . .“; „Aber das macht man doch nicht . . .“ ist eine sehr weibliche Art des Reagierens.

Mich regt es jedes Mal auf, wenn ich dieser Geisteshaltung begegne.
Mein Motto ist nämlich: Alles ist möglich, wenn man nur will.
Wenn's nicht so geht, dann geht's andersrum, und wenn so auch nicht, dann ganz anders, aber irgendwie – geht's.
Mein Glück ist, dass ich ein schlecht erzogenes Kind war.
Meine Eltern brachten es selten über sich, mir etwas zu verbieten. Statt konsequent zu sein, mussten sie meist lachen. So kam ich schon früh zu dem Schluss: Nein bedeutet keineswegs immer nein.
Entsetzlich! So etwas darf ein braves Kind nie erfahren, wenn es brav bleiben soll. Ein Mann lernt allerdings auch schon beizeiten: Wenn eine Dame nein sagt, meint sie „vielleicht“, und deshalb überhört er gern das erste Nein.

Sollte eine Frau es wagen, sich an einen Herrn heranzumachen, der unritterlich und ehrlich genug ist, nein zu sagen, wird sie sicher mit hochrotem Kopf abschieben, es nie wieder tun und nie mit dem Gedankenspielen, er habe „vielleicht“ gemeint.
Hat er auch nicht – Männer haben keine Zeit, kokett zu sein.
Und trotzdem wage ich zu behaupten: Wenn Ihnen so viel an ihm liegt, wenn er der Mann Ihres Lebens ist – bleiben Sie am Ball! Ziehen Sie sich eine Weile zurück, erscheinen Sie wieder, total, geheimnisvoll, rätselhaft verändert.
Retten Sie ihm das Leben. (Natürlich müssen Sie vorher mit Ihren drei kräftigen Cousins absprechen, dass die ihn überfallen und sich von Ihnen mit der Handtasche in die Flucht schlagen lassen.)
Nehmen Sie einen Job in seiner Firma an, überflügeln Sie ihn, werden Sie seine Chefin und lassen Sie ihn zum Diktat antreten.

Was begehrt Ihr Herz? Möchten Sie studieren, obwohl Karlheinz Sie damals von der Schulbank in seinen Haushalt riss und Ihnen drei süße kleine Kinderchen bescherte?
Es geht! Sie werden das Abitur nachmachen wie viele vor Ihnen. Sie werden über Inserate und Telefonate jemanden finden, der die Kinder zeitweise übernimmt.
Möchten Sie ein Restaurant eröffnen?
Es geht! Lernen Sie kochen, informieren Sie sich über Gastronomie, freunden Sie sich mit Kneipiers an, nehmen Sie einen Kredit auf und lassen Sie sich die Verträge von einem gerissenen Anwalt schreiben.

Ob Sie den Ärmelkanal durchschwimmen wollen, Bürgermeisterin werden, aparte Schuhe entwerfen, eine Hundeschule gründen, Ihrer herrschsüchtigen Schwester endlich mal handgreiflich die Meinung sagen, eine Weltreise per Fahrrad machen, vier uneheliche, verschiedenfarbige Kinder zu glücklichen Menschen aufziehen, eine Sonate für Blockflöten schreiben, die in die Musikgeschichte eingeht, den Flugschein machen – es geht, es geht, glauben Sie mir!

Immer wieder wird es Leute geben, die Ihnen ins Ohr murmeln: „Dummerchen, gib doch auf“, die Ihnen erzählen, was Sie da anstreben, sei Unfug, nicht zeitgemäß, zu oberflächlich, zu tiefsinnig, eben einfach nicht machbar.
Und es werden Gedanken in Ihrem Kopfauftauchen, die dasselbe flüstern. Hören Sie kurz zu, und überprüfen Sie, wieviel Ihnen Ihr Ziel bedeutet. Dann machen Sie weiter. Es geht!

Sie sind imstande, sich das Rauchen und das Nägelbeissen abzugewöhnen, Ihr Idealgewicht zu erreichen, falls Sie das glücklich macht, sich einen schwebenden Gang und eine sanfte, schnurrende Stimme zuzulegen, auch wenn Sie Ihr Leben lang durch die Gegend getrampelt sind wie ein Kaltblut und gekläfft haben wie ein Terrier.
Kneifen Sie die Augen zusammen, verkrallen Sie sich in Ihre Idee, und lassen Sie sie nicht los, egal wie oft Sie dabei auf die Nase fallen.

Sie sind in der Lage, die scheußlichsten Dinge zu bewerkstelligen und die schönsten. Die Auswahl ist Ihre Sache.
Die Literatur wimmelt von Menschen, die sich ein Ziel gesetzt haben und es grimmig verfolgen, bis es erreicht ist.
Versuchen Sie, es wie die Romanfiguren zu machen: Konzentrieren Sie sich auf ein, höchstens auf zwei große Ziele.
Schließlich sind Sie kein Übermensch, niemand kann Hauptperson in drei Romanen sein.

Als mein Vater eines Tages meinen so geliebten Poesiealbumspruch sah, fragte er mich, warum ich diese Weisheit eigentlich nicht darauf anwendete, meinen Mathematik-Noten etwas auf die Beine zu helfen.
Ich antwortete wahrheitsgemäß, dazu hätte ich keine Lust, das sei mir nicht wichtig genug.
Das ist nämlich entscheidend: Sie müssen Lust zu dem haben, was Sie anstreben, und es muss Ihnen wichtig sein.
Es reicht nicht, dass Ihre Tante sich freuen würde, wenn Sie es zu etwas bringen, oder dass Sie einen bestimmten Mann erobern wollen, um Ihre Freundin zu ärgern, mit der Sie sich dann inzwischen wieder vertragen haben.

Vielleicht sollten Sie sich nicht unbedingt darauf kaprizieren, Papst zu werden oder die erste Frau auf dem Saturn oder so was.
Aber alles, was auch nur entfernt im Bereich des Möglichen liegt, das können Sie sich aneignen.
Wenn nur die Leidenschaft des Wollens in Ihnen brutzelt – schaffen Sie es!

Erschienen in Cosmopolitan