Mit Männern reden von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Mit Männern reden

Wir saßen in geselliger Runde zusammen und plauderten, als Karsten und Klärchen plötzlich feststellten, dass sie über irgendeinen Punkt unterschiedlicher Meinung waren.
„Darüber“, meinte Klärchen, „müssen wir uns zu Hause noch mal in Ruhe unterhalten.“
Und ich bemerkte in Karstens Gesicht genau den Ausdruck begeisterter Vorfreude, den Terrier haben, wenn ihnen ein Vollbad angekündigt wird.

Männer hassen es, über Probleme zu reden. Mit Frauen, versteht sich.
Mit ihresgleichen ist das etwas anderes. Da reden Sie auch nicht, sondern sie sagen etwas.
Das heißt, sie halten Vorträge oder kriegen welche gehalten, sie flachsen rum, klären Geschäftliches oder Politisches oder klatschen über andere.
Wenn Männer mit anderen Männern reden, ist das insofern angenehm, als keiner dem anderen sein Innenleben nach außen krempelt – außer im Suff. Da darf man, weil‘s nicht so drauf ankommt, und außerdem wird auch kein Mann auf den Einfall kommen, dem anderen Vorwürfe zu machen.
Redet aber ein armer Mann, der nicht rechtzeitig entwischen konnte, mit einer Frau, dann muss er immer damit rechnen, dass sie ihm an die seelischen Dessous geht, angefangen mit »Wasdenkstdugerade?«bis zu: »Woran glaubst du eigentlich?«
Damit hat ja schon Gretchen ihren Faust genervt.

In knappen Phasen seines Daseins, dann nämlich, wenn er sinnlos verliebt ist, wird ein Mann ganz gut mit solchem Gebohre fertig.
Er lässt sich gutwillig darauf ein – wahrscheinlich liegt es an den Hormonen. Mutter Natur, immer so familiengründungswütig, hat es wohl so eingerichtet, um die Frauen zu bluffen.
»Wie herrlich«, jubelt die Gebluffte, »ein Mann, mit dem ich über alles reden kann!«
Aber wenn seine schlimmste Verliebtheit aufgehört hat, zieht er die Ohrläppchen unbehaglich in den Kragen, sobald er merkt, dass seine Liebste schon wieder auf ein Gespräch lossteuert.
Was er denkt und was er glaubt, findet er, ist ja nun ausreichend geklärt.
Und außerdem fürchtete er, bewusst oder unbewusst, stets das Allerschlimmste: er fürchtet Vorwürfe.

Jede Frau ist in der Lage, den freundlichsten, selbstbewusstesten, großzügigsten Mann durch kleine, feine Vorwürfe – sechzig bis siebzig über den Tag verteilt – zu einem gehässigen, geduckten Weiberfeind zu machen.
So ein verdorbenes Exemplar wird in Zukunft in jedem Wort, in jedem Blick Vorwürfe wittern, auch da, wo gar keine sind. Wie eine Versuchsratte, die so viele Stromstöße in die Schnauze bekommen hat, dass sie sich jedem Fressnapf nur mit scheelem Blick und bereit zum Zurückzucken nähert.

Das Ulkige ist, dass es gar keine Frau gibt, die ihrem Mann Vorwürfe macht.
Oder haben Sie sich das schon mal vorgenommen?
Nein, wir sagen uns: „Das werde ich heute Abend mal klarstellen, wenn Sven nach Hause kommt...“
Schließlich muss erwähnt werden, dass die Garagentür immer noch klemmt (er hatte vor drei Wochen versprochen, das in Ordnung zu bringen), dass die Kinder ständig vergeblich auf seine Mithilfe bei den Hausaufgaben warten (er hatte sich freiwillig dazu bereit erklärt), und auch finanzielle Probleme sollten hier und da angesprochen werden.
Ein normaler gesprächsfeindlicher Mann würde eher drei Garagentüren reparieren, den Kindern jeden Abend die Matheaufgaben lösen und ziemlich viel Bares ausspucken, wenn er damit nur vermeiden könnte, über das alles ‚zu reden‘.

Ein vernünftiges Gespräch können Sie mit Ihrer Freundin, Ihrer Mutter, ihrer Tochter, Ihrer Angestellten oder Ihrer Chefin führen, jedenfalls eher als mit einem typischen Mann.
Ein vernünftiges Gespräch – darunter verstehe ich eine Unterhaltung, die sich mit einem oder mehreren Tatbeständen beschäftigt, die plötzliche Eingebungen und Ideen aufnimmt, Gefühle zur Sache, oder zu einer anderen Sache, beleuchtet, absurd wird und wieder real. In einem Gespräch erzählen sich zwei oder mehr Leute, was sie denken, was sie empfinden und wie ihnen ist, meist recht subjektiv und deshalb ziemlich ehrlich.
Aber es gibt ja nicht nur den berühmten kleinen Unterschied, sondern auch noch ein paar andere kleine Unterschiede zwischen Frau und Mann.

Ich will nicht sagen, dass Männer uns vom Verstand her direkt unterlegen sind – schließlich können sie so feine Sachen erfinden wie Computer und Unterseeboote und Filzschreiber – aber ein vernünftiges Gespräch führen?
Natürlich ist es möglich, stunden- und nächtelang mit einem Mann im verbalen Clinch zu liegen. Dabei kommt aber nie im Leben heraus, was Sie sich erhofft haben.
Zunächst wird er kurz die Regeln festlegen, nach denen man sich zu richten hat. Männer brauchen Regeln, um sich daran festzuhalten, sonst wird ihnen schwindelig. Und sobald er sicher sein kann, dass Sie beide ‚beim Thema bleiben‘, ‚nicht persönlich werden‘ und ‚sachlich argumentieren‘, wird er Ihnen beweisen, dass er Recht hat.

Sie können mit einem Mann schäkern, ihm Komplimente machen, sich Gutenachtgeschichten und Witze erzählen, über alles sprechen, was in der Zeitung stand oder in der Tagesschau zu sehen war. Er wird sich sogar geduldig ihre Träume oder Ihre Ängste anhören.
Aber sobald Sie mit ihm gesprächsweise ein Problem lösen wollen, sind Sie praktisch dabei, eine Betonmauer mit Fußtritten zu bearbeiten.
Trotzdem gibt es erstaunlich viele Frauen, die nicht davon abzubringen sind, tagtäglich mit ihrem Partner alles im Gespräch zu klären – und die sich dabei regelmäßig verstauchte Zehen einhandeln.

Die Erleuchtung überkam mich auf einer Autofahrt mit einem breitschultrigen blonden Macho.
Er liebte es, bei geöffnetem Fenster zu fahren – ihm schadete das auch nicht.
Aber meine Frisur löste sich in Wohlgefallen auf und meine Augen waren allmählich so rubinrot wie die eines weißen Angorakaninchens. Ich wusste, dass er jedes Argument als zimperlich widerlegen oder weglachen würde.
Schließlich hatte ich eine himmlische Eingebung.
Ich sagte: „Mach bitte das Fenster zu.“
Ich hatte noch nicht ausgesprochen, da kurbelte er schon. Das Fenster war zu, der Fahrtwind weg, ich konnte es gar nicht fassen.
Er seinerseits schien überhaupt nicht bemerkt zu haben, was passiert war.

Es funktioniert immer.
Äußern Sie so knapp wie möglich, was Sie wollen.
Es ist in Ordnung, ein höfliches „Bitte“ beizufügen.
Es ist falsch, eine Entschuldigung einzuflechten.
Es ist tödlich, eine Erklärung anzuhängen.
Sie sollten nicht anfangen: „Du weißt, ich würde dich normalerweise nicht damit belästigen, aber mir sind alle Fingernägel eingerissen, weil ich so lange an deinem rosa Hemd herumgewaschen habe, auf das bei diesem Betriebsausflug, zu dem ja angeblich keine Ehefrauen mitdurften, vorn die ganze Schokoladensauce…“
Verzichten Sie auf jede einleitenden Redewendungen.
Bemühen Sie sich um einen ruhigen, eher nebensächlichen Ton. Bloß keine Emotionen in der Stimme!
Ihre Rede sei: „Bitte, tu dies und das.“
Alles, was darüber hinausgeht, ist von Übel.
Ihr kurzer Satz sollte weder mit einem Ausrufungszeichen enden (wir wollen ja keinen Befehl erteilen) noch mit einem Fragezeichen, etwa: „Würdest du bitte mal...?“ (Auf eine Frage kann immer mit Nein geantwortet werden.)

Das einzig Schwierige ist, all das runterzuschlucken, was Sie eigentlich unbedingt noch hinzufügen wollten.
Aber das ist auch bloß Übungssache.

Erschienen im Journal für die Frau