Mathieu Carrière von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Porträt Mathieu Carrière

Er ist der mit der edlen Visage, der immer nur Burschen mit kompliziertem Innenleben spielt, denn dass sich hinter diesem Gesicht nichts abspielt, glaubt sowieso keiner.
Und wenn er nicht gerade dreht, dann lässt er sich schon mal über Literatur aus – schließlich hat der deutsche Arztsohn in Paris Philosophie studiert, und sein Buch über Heinrich von Kleist bekam durchweg gute Kritiken.

Als ich ihn abhole aus der großen Berliner Wohnung, in der er bei Verwandten wohnt, solange er sich hier aufhält, öffnet er selbst die Tür.
Mathieu Carrière, ganz in Zivil mit Tennisschuhen und Rollkragenpullover.
Er lächelt, nein, er lacht sogar, freundlich, wohlerzogen, entgegenkommend, aufgeschlossen. Wunderschöne weiße Zähne hat er, und das Lachen steht ihm gut.
Die Augen lachen nicht mit. Da ist Distanz. Er kennt mich nicht. Ich bin ihm nicht mal vorgestellt worden – ich habe mich selbst vorgestellt.
Die Augen sagen: Bettlern, Hausierern und Journalisten ist der Eintritt nicht gestattet.
Im Übrigen ist sein Lächeln bezaubernd.
Mit seinem Wagen fahren wir zu einem Restaurant in der Nähe. Ich habe in einem Artikel über ihn gelesen, er fahre hektisch und unkonzentriert und über Bordsteine.
Entweder war das gelogen, oder er hatte einen schlechten Tag. An diesem Abend fährt er so gelassen und geschickt wie nur möglich und parkt mit ruhiger Selbstverständlichkeit in eine ziemlich enge Lücke ein.
In der vollen Paris Bar in Charlottenburg ist selbstverständlich noch ein Nischentisch für ihn frei.
Er studiert die Karte, ich studiere sein Gesicht.
Schmal, dreieckig, mit breiter Stirn. Seine Locken dürfen gerade mal wachsen, kringeln sich zu einem angedeuteten Pony und bedecken zur Hälfte die kleinen, enganliegenden Ohren. Die Nase ist wirklich edel aus jeder Perspektive, von den Nasenflügeln laufen scharfe Falten zu den Mundwinkeln, wo sich resignierte Beulchen bilden, schmerzlich und bitter sieht das aus. In diesem ernsten Gesicht kommt das Lachen immer wieder als Überraschung und Erleichterung, und er lacht viel und gern, offenbar ist er entspannt.
Er streckt sich behaglich, er steckt zerstreut den kleinen Finger ins Ohr, um sich zu kratzen, er steigt auf seinen Stuhl, um ein Fenster zu schließen, durch das es zieht, er isst seinen Spargel genießerisch mit den Fingern und lässt die angekauten Enden liegen, wenn sie holzig sind, er haut mit der Gabel unter energischem Klingklang die Blubberbläschen aus seinem Sektglas, er stützt auch mal beide Ellbogen auf beim Sprechen.
Übrigens könnte er auch Schuhe und Strümpfe ausziehen und die Füße auf den Tisch legen – da würde immer noch keiner sagen: „Nun guck dir den Flegel an!“, sondern eher: „Was sind Majestät heute wieder leutselig und natürlich!“
Er hat die angeborene Grazie derer, die wissen: Regeln sind für mich gemacht, nicht ich für die Regeln. Warum auch soll er harte Spargelenden hinunterwürgen oder an zu viel Kohlensäure ersticken?
Aber es ist ein kilometerweiter Unterschied zwischen jemandem, der das tut, weil er's nicht besser weiß, und zwischen ihm, der es tut, weil er's besser weiß.
Diese Ausstrahlung von Understatement-Adel ist manchmal fast penetrant, vielleicht geht sie ihm selbst etwas auf die Nerven.
Als ich frage, ob er nicht mal einen richtig ungehobelten Rüpel spielen würde, antwortet er mit herzhaftem Seufzer: „Doch! Gern! Wenn man mich den doch mal spielen ließe!“
Nein, wäre er der ungehobelte Rüpel in ganz kleinen Verhältnissen, der Zuschauer würde einen kurzen Blick auf ihn werfen und wissen: Am Schluss kommt raus, dass er als Kind vertauscht worden ist. Oder er ist mindestens der natürliche Sohn des Grafen. Das sieht doch jeder Schwachkopf, dass in dem Generationen von blauem Blut...
Das Hugenottische allein kann's doch nicht sein?
Er ist im August 1950 geboren. Ein Löwe. Ach so.
Die Augen sind typische Löwe-Augen – tiefliegend, rund, in den Winkeln leicht schräg, ein voller, ruhiger Blick.
So guckt auch der richtige im Tierpark, bloß nicht so blau.

Ist er zufrieden mit sich? Oder würde er etwas ändern, wenn er könnte?
Doch, dies und das hat er auszusetzen. Seine Fingernägel, vor allem auf den Zeigefingern, schlagen wilde Wellen und Querrillen, was ihn ärgert. „Sie sind zu weich – ungesund!“

Die Haare dagegen, ich reibe sie zwischen den Fingern, fühlen sich hart an, storrig, knisternd. Mathieu erklärt mit einem gewissen Stolz: „Ich habe widerborstiges Haar.“ Nebenbei bemerkt sind schon etliche graue Fäden eingesprenkelt, ein interessanter Effekt.

Und innerlich? Da wäre er gern, sagt er, etwas ruhiger und entschlossener.
Außerdem fürchtet er die eigene Tendenz, Dinge kaputtzumachen: „Ich habe Angst vor der Gewalt meiner Aggression.“
So schlimm kann das eigentlich nicht sein. Die letzte Prügelei, in die er verwickelt war, ist immerhin sechs Jahre her, und er war beileibe nicht einer der Kämpfenden: „Das war in Paris, da griff ein junger Regisseur einen alten Produzenten an – ich half ihm dann, wieder aufzustehen. Worum es ging, weiß ich nicht mehr.“
Von Prügeleien an sich hält er sowieso nicht viel.
Er sagt es zwar nicht ganz wörtlich so, aber ich glaube, das ist ihm zu vulgär.
Würde er jemals eine Frau schlagen?
Nein, unter absolut keinen Umständen!
Aber in Notwehr? Wenn sie ihn wild ohrfeigt? Wenn sie mit der geschwungenen Axt hinter ihm herrennt?
Er zögert. Also eigentlich würde er lieber selbst dran glauben, als den Arm gegen das schwache Geschlecht zu erheben.
Er sieht mich neugierig an und fragt, was ich denn tun würde, wenn jemand mit einer Axt...?
Seine Augen sind heller jetzt und zutraulich, die Distanz schwindet. Das Thema scheint ihn sehr zu interessieren.
Ich erkläre, dass ich mich von Herzen gern mit jedem herumschlage, und übrigens bin ich ja selbst eine Frau...
Hatte er jemals den Wunsch, für einen Augenblick, eine Frau zu sein?
Aber ja, klar! (Na, so klar ist das ja nun auch wieder nicht!)
Was assoziiert er mit Weiblichkeit, mit Frau? Intuition, sagt er, Genussfähigkeit und Ausdauer.
Das gefällt mir.

Mathieu nascht von meinem Teller und trinkt aus meinem Glas, er macht das ein bisschen wie ein verwöhntes Kind, das völlig sicher ist, geliebt zu werden.
Zu meinem Entzücken praktizierter auch im Privatleben den „Schmatzer“, den ich schon auf der Leinwand oder dem Bildschirm so gern hatte: Bevor er etwas sagt, öffnet er schon mal probeweise die Lippen mit einem winzigen, schnalzenden Geräusch und holt kurz Luft. Eine kleine Fanfare ist das, und alles guckt unwillkürlich aufmerksam zu ihm: Achtung! Mathieu will was sagen! Dabei ist das garantiert unbewusst.

Inzwischen kommen immer wieder Bekannte von ihm vorbei, setzen sich auch mal kurz an den Tisch und halten ein Pläuschchen.
Ich vertiefe mich dann schnell in den Fragebogen, den ich ihm im Voraus geschickt hatte und der brav in Druckschrift ausgefüllt ist – etwa ein Dutzend Fragen hat er selbst noch hinzugefügt und beantwortet.
Eine der Fragen hieß: Was halten Sie von Treue?
Er hat ziemlich aufgebracht geschrieben: „Die Frage ist ein Nonsens. Entweder man ist mit einer Person zusammen oder nicht.“
Ein beeindruckender Standpunkt.
Ich erwarte, unter dem nächsten Absatz (Sind Sie eifersüchtig?) folgerichtig zu lesen: „Die Frage ist ein Nonsens. Entweder mein Partner ist mit mir zusammen…“
Aber nein. Die Frage: Sind Sie eifersüchtig? hat Mathieu beantwortet mit „sehr“.

Was er sonst noch so antwortete:
Wann begannen Sie, sich für Frauen zu interessieren?
Schon immer, solange ich denken kann.
Erinnern Sie sich an Ihre erste große Liebe?
Auf dem Weg zur Volksschule fuhr jeden Morgen unsere Mathematiklehrerin an mir vorbei. Auf einem Fahrrad. Ihr phantastischer Hintern brannte sich mir stärker ins Gehirn als das Abc.
Wo werden Sie am liebsten gestreichelt?
An meinem Ego.
Sind Sie in irgendeiner Form religiös oder gläubig?
Nein, Zeitverschwendung.
Oder abergläubisch?
Sehr.
Was ist Ihnen wichtiger Freiheit oder Sicherheit?
Freiheit, natürlich.
Leben Sie lieber auf dem Land oder in der Stadt?
Stadt, Innenstadt.
Sind Sie eigentlich glücklich?
Ja, schon. Mindestens einmal am Tag.
Wie sieht für Sie die absolute Traumfrau aus?
Ich wäre ja blöd, wenn ich eine Traumfrau hätte und dadurch alle fabelhaften Variationen verpasse. Aber meinetwegen: Sie sollte unabhängig sein, Humor haben, einen guten Hintern haben, intelligent, talentiert oder reich sein.
Ihr Lieblingswetter?
Tropischer Regen.
Lieblingsmusiker?
Stevie Wonder.
Lieblingsbuch?
Krieg und Frieden.
Lieblingskleidung?
Elegante Schuhe und Strümpfe für Frauen.
Lieblingserfindung?
Telefon und Antibabypille.
Ihre Maße?
Größe 1,85 m, Gewicht 72 kg, Brustumfang 100 cm, Hüftumfang 92 cm.

Die Frage nach seinem Lieblingsduft hat er selbst hinzugefügt und beantwortet: „Parfüm und Schweiß.“
Das erinnert mich an Napoleon, auch ein Löwe, der wenn er aus dem Krieg nach Hause kam, an seine Josephine schrieb: „Ich bin in einigen Wochen bei dir! Hör bitte auf, dich zu waschen...“
Mathieu betrachtet mich kurz von oben bis unten, das Visier ist mit hörbarem Knallgefallen, und er sagt akzentuiert „Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Geruch von sauberem und von schmutzigem Schweiß!“
Da sitze ich im Fettnäpfchen, und er könnte nun den Kaffee bestellen und mich da sitzenlassen.
Aber das tut er nicht. Er ist nämlich ein wirklicher Ritter, einer, der dem Gegner das Schwert mit dem Fuß wieder zuschubst, wenn er's verloren hat, anstatt ihn in Ruhe zu massakrieren.
So bringt er das Gespräch wieder in leichtes Fahrwasser, verzichtet ganz unbetont darauf, mich in Verlegenheit zu bringen.
Ich glaube, man kann ihn ganz schön wütend machen. Dann kann er ganz schön gefährlich werden.
Und wenn man dann in die Enge getrieben ist, sollte man ihm ganz einfach die Kehle hinhalten, falls man sich dazu überwinden kann.
Denn er wird auf jeden Fall großmütig reagieren, auch wirkliches Mitleid empfinden, noch nicht mal auftrumpfen, sondern eventuell taktvoll versuchen, die Peinlichkeiten für den anderen schnell vergessen zu lassen.
Ganz sicher eine hervorragende Art, Freunde zu gewinnen.
Natürlich ist es gar nicht zeitgemäß; man wird ihn häufig missverstehen.

Auch wenn er meint, er lebe nur gern in der Gegenwart oder in der Zukunft – weil er zum Beispiel nicht aufs Telefon verzichten kann – er gehört in eine Epoche ganz anderer Ehrbegriffe.
Den Prinz Eisenherz würde er gern verkörpern, und diese Figur (von Hal Foster, einem Löwen, erfunden und gezeichnet) kommt seiner Persönlichkeit wirklich recht nahe.
Eisenherz guckt so ähnlich wie Mathieu.
Nur nicht so blau.

Erschienen in Cosmopolitan