Lasst dicke Männer um mich sein von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Lasst dicke Männer um mich sein

Der römische Feldherr Cäsar hat das auch gesagt: Lasst dicke Männer um mich sein.
Er fand die Dicken friedlich und freundlich und dachte sicher, die stechen nicht so schnell zu. Aber dann hat er Brutus nicht entsprechend genudelt, und da hatte er den Schaden.

Ich mochte immer lieber dicke als dünne Jungen, schon als ich noch ein kleines Mädchen war.
Damals sah ich im Kino „Quo Vadis“ und „Beau Brummel“. Die Hauptrollen in diesen Filmen spielten Robert Taylor und Steward Granger, einer immer schlanker und schöner als der andere, aber ich hatte nur Augen für den fülligen Peter Ustinov.

Natürlich rede ich hier nicht von Puddings auf Beinen; ich meine die stämmige Sorte, bei denen Muskelfleisch und Fett angenehme, elastische Polster bilden. Dass ich damit nicht im Zeitgeist liege, ist mir klar.
Schlank und sehnig lautet die Devise, weil es angeblich was mit Jugend zu tun hat. (So'n Quatsch – es gibt bekanntlich Babyspeck und Backfischspeck, hat das etwa nichts mit Jugend zu tun?)

Mir soll es recht sein; lass die anderen sich um die Schlanken prügeln, ich wende mich inzwischen in Ruhe den Dicken zu.

Nun sagt meine Tante Eleonore und wackelt mit dem Kopf: „Ein guter Hahn wird selten fett!“

Ich weiß nicht, welche Erfahrungen sie gemacht hat, meine eigenen sind jedenfalls gegenteilig.
Soviel Kondition haben die Dünnen auch nicht, eher einen niedrigen Blutdruck und kalte Füße.

Falls Sie es lieben, auf der Brust Ihres Freundes einzuschlafen, werden Sie mir zustimmen: wie schön, wenn da alles gut gepolstert ist!
Legen Sie dagegen mal Ihr Haupt auf eine magere Brust, und betrachten Sie am nächsten Morgen das Rippenmuster auf Ihrer Wange.
Ganz davon zu schweigen, dass Sie sich die ganze Nacht an seinen Hüftknochen oder Ellbogen piken.

Dicke Männer, finde ich, verkörpern eine ganz bestimmte, mir sehr sympathische Persönlichkeit. Meist sind sie gelassen, fast immer Genießer und beinahe nur gut gelaunt. Ich war mal mit zwei Dünnen befreundet – so was unterläuft einem ja: Man kann eben nicht immer aus dem Katalog aussuchen. Himmlischer Vater, was waren die kompliziert und vergrübelt und sensibel und asketisch und sauertöpfisch todernst.
Ihren Teller schoben sie nach ein paar Bissen beiseite mit einem geseufzten „Ich kann jetzt nichts essen!“, weil sie gerade wieder irgendein Problem zwickte.

Als ich das hinter mir hatte, lernte ich einen großen, hübschen Dicken kennen, und meine Güte, wie erholsam! Soviel Wärme und Gelächter und Liebe, wie aus einem unerschöpflichen Fass.
Liebe nicht nur zu mir – auch zum Wetter, zu meinem Dackel, zu meinem Parfüm, der Dicke schnurrte den ganzen Tag vor Wohlbehagen.
Er liebte es, zu baden, es hörte sich an, als hätte ich einen See-Elefanten zu Besuch. (Übrigens badete er sehr energiesparend! Denn je mehr Masse er einbringt, desto weniger warmes Wasser braucht ein Mensch.)

Meiner Erfahrung nach haben die Kompakten viel mehr Sinn für Humor, so eine friedliche, erdhafte Sorte von Humor.
Vielleicht bleibt ihnen nichts anderes übrig, weil sie so oft auf den Arm genommen werden.
Aber stumpfsinnig sind sie deswegen noch lange nicht, und man sollte darauf verzichten, sie unnötig zu zwiebeln. Auch im dicken Mann wohnt Leidenschaft (Gott sei Dank). Denken Sie mal an die Augen von Orson Welles.

Die Sucht nach der schlanken Silhouette hat was mit der Werbung zu tun. Irgendwelche (vermutlich dürren und verbiesterten) Designer haben den schnittigen, windschlüpfrigen Mann erfunden und mit Rasierwasser begossen. Diejenigen, die früher als „stattlich“ anerkannt und bewundert wurden, verstecken jetzt verschämt das dralle Bäuchlein und ziehen zähneknirschend den Gürtel enger.
Fastenkuren werden durchlitten, eine einsame Mohrrübe bildet das Frühstück. Und die Waage weigert sich, das einzusehen: Wen die Pfunde lieben, an dem kleben sie.

Ich habe für den bezauberndsten Dicken, den ich kenne, ein Vierteljahr lang treu und brav Diät gekocht, obwohl es mir das Herz zerriss: Er wollte so gern dynamischer aussehen. Er verlor 20 Kilo und gleichzeitig seinen zufriedenen Gesichtsausdruck.
Ein paar frühere Freundinnen von ihm meldeten sich plötzlich wieder und wollten ihn dauernd rein geschäftlich sprechen.
Da rührte ich sofort die leckersten Puddings an und führte die Sitte ein, mittags und abends warm zu essen.
Inzwischen ist er wieder ganz der Alte, vergnügt wie eh und je, und ganz im Ernst: Er sieht bedeutend dynamischer und kraftvoller aus als nach bestandener Diät.
Mich aber lässt es eiskalt, wenn Bekannte mich fragen: „Was mischst du ihm eigentlich ins Futter?“

Schließlich ist das reine Geschmackssache.
Rod Stewart mag so sexy sein, wie er will, wenn ich die mageren Ärmchen sehe, die links und rechts aus seinem T-Shirt gucken, hab' ich nur das Bedürfnis, ihm eine große Tüte mit Marzipan zu schenken.
Mir ist nun mal Rod Steiger lieber, an dem ist wenigstens was dran.

Kürzlich hat sich die Wissenschaft etwas ganz Neues ausgedacht: Untersuchungen hätten gezeigt, man soll lieber etwas mehr auf den Rippen haben, wenn man gesund alt werden will.... Nun wird das Normalgewicht zum Idealgewicht.
Wenn jetzt noch die Werbung mitzieht und eine neue Richtlinie entwirft: Der Dralle, Pralle, Kräftige trinkt nur den Eierlikör der Marke Soundso... dann bekomme ich Angst um meinen Geheimtipp.
Plötzlich bleiben die mageren Heringe übrig, und die mag ich nun mal nicht, entschuldige, Marius, wenn du auch süß bist...

Mein Traum sieht eben anders aus.
Mögen die meisten Frauen sich in stillen Stunden vorstellen, sie weilten auf einer fast einsamen Insel, ein Palmenblatt kitzelt sie verspielt an der Schulter, leise klingt entfernt eine Ukulele, und da kommt er, Udo Jürgens...
Gegen die Palme und die Ukulele wäre nichts einzuwenden.
Aber dann wünschte ich mir etwas anderes: Der Boden erzittert ein bisschen und er tritt aus dem Palmenhain, geht zum Meer und plätschert vergnügt mit den Zehen im Wasser, ein leuchtendbuntes Tuch um seine üppigen Hüften geschlungen: Obelix...

Erschienen in Cosmopolitan