Kinder? Ja, bitte! von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Kinder? Ja, bitte!

Der Kommentar „Kinder? Nein danke!“ in COSMOPOLITAN 11/81 hat ein lebhaftes Echo ausgelöst. Unsere Mitarbeiterin Dagmar Seifert nimmt zu dem Thema Stellung aus ihrer Sicht.


Die Argumente gegen Kinder haben Hand und Fuß und leuchten zum Teil auch ein.
Außerdem ist es viel mutiger und gewagter und unabhängiger, was dagegen zu schreiben, immer noch, trotz allem...
Dafür zu sein riecht nach Spießertum, Kirche, Doppelkinn – allenfalls nach modisch-grüner Masche.

Kinder sind lästig.
Doch, wirklich.
Das niedlichste, ruhigste, bravste Kind (ein braves Kind ist, wenn man es gar nicht bemerkt und es trotzdem gerade nichts anstellt) übt einen ununterbrochenen Druck aus durch die Verantwortung, die Mutter oder Vater oder günstigenfalls beide zu tragen haben.
Der Druck verschwindet nie wieder ganz.
Was macht Lorchen gerade?
Ist sie warm genug angezogen – gestern hat sie noch gehustet.
Wird sie bei der Ampel auf Grün warten?
Wird sie die Algebra-Arbeit verpatzen?
Vielleicht gibt es Leute, die cool sind und das ganz und gar abschütteln können. Ich bezweifle es.
Kinder sind lästig.

Ich kann Leute verstehen, die lieber ihre Ruhe haben.
Ich kann auch Leute verstehen, die nie, nie wieder einen Hund haben wollen, weil sie Fido so geliebt haben, und er ist so schrecklich gestorben und all das Herzeleid – nein, nie wieder!
Und ich kann Frauen verstehen, die nichts mehr mit Männern zu tun haben wollen, nach der Sache mit Frank, diesem Tier, den Farbfernseher hat er auch mitgenommen und ihr die besten Jahre gestohlen, alle 20.
Am liebsten überhaupt nie wieder ein Partner. Dann kann es keinen Ärger geben.

Ich verstehe die, die ihren Garten aufgeben, weil er so viel Arbeit machte,
und die froh sind über den sauberen Asphalt vor dem Fenster der neuen Stadtwohnung.
Ja, und ich verstehe die, die beim Zahnarzt grundsätzlich eine Spritze haben möchten und überhaupt bei allem, was weh tun könnte, eine Vollnarkose, am besten auch bei Sachen, die der Seele weh tun.
Weh tun, das ist so schmerzhaft, nicht?
Und wenn sie schon über den Tod reden müssen – was die meisten Leute ungern tun, sie bekommen einen Ausdruck um die Mundwinkel, als rieche es bereits nach Leiche – dann bestellen sie sich, bitte, einen Tod, der ganz schnell geht und den sie gar nicht merken.

Wir leben in einer gepflegten, gedämpften Welt.
Die Wäsche in die Maschine, das Geschirr in die Maschine, den Teppich saugt und klopft eine Maschine.
Wir sinken erschöpft aufs Sofa.
Stress.
Woher kommt der Stress? Durch den Krach der vielen Maschinen, unter anderem.

Ulkig: Früher haben Frauen alles mit der Hand gewaschen und das Wasser
noch vom Brunnen ran geschleppt und zwischendurch ein Kind nach dem anderen geworfen, tot oder lebendig – wie haben die das überstanden, tot oder lebendig?
Sie sind früher gestorben, auf jeden Fall.
Wir werden ja jetzt sehr alt und immer älter. Uralt können wir in Ruhe werden.
Ohne Kinder, ohne Fido, der uns das Herz zerreißt, ohne Frank, das Ekel.
Ohne Omi. Naja, die Alten werden auch immer älter. Sie ist nun im Altersheim.
Nicht, dass sie direkt dahingewollt hätte... sie wurde so lästig.
Sie hat zum Schluss doch enorm Energie gekostet, war so anspruchsvoll wie ein Kind.
Wenn wir von Energiekrise reden, meinen wir Öl.

Ach ja, und dann haben viele, die keine Kinder wollen (und die, nicht genug damit, auch sanft missbilligen, wenn andere sich vermehren), noch dies besonders gute Argument: Wie kann man denn in diese Welt noch Kinder setzen?
Mal ehrlich – hätten Sie einer Frau im Dreißigjährigen Krieg, zur Zeit der Pest, zur Zeit der katastrophalen Hungersnöte, der Leibeigenschaften, hätten Sie je zugeraten, in diese Welt ein Kind zu setzen?
Na, die haben's trotzdem gemacht, vielleicht nicht aus Heldentum, sondern weil's noch keine Pille gab.
Hätten sie's nicht getan, gäbe es uns nicht.
Vielleicht hätten sie's doch lieber lassen sollen.
Dann stünde jetzt nicht hier ein Haufen großgewachsener, sauberer, wohlgepolsterter und wohlgekleideter Menschen, alle rülpssatt und gestresst bis obenhin, die einen Flunsch ziehen, weil Kinder den ganzen wohl geplanten Knöpfchendruck-Tag einschließlich freizeitlicher Selbstverwirklichung durcheinanderbringen und überhaupt so unbequem sind.

Ich kann sie verstehen, sagte ich schon, und ich verachte sie.
Ich verachte diese Lebensfeigheit, die alles zu vermeiden sucht, was anstrengend ist oder schmerzt, was nicht vorangekündigt oder geplant ist, was unberechenbar bleibt und Angst machen könnte.

Ich habe ein einziges (bis jetzt) winziges, aber energiegeladenes Kind, und wahrlich, es treibt mich dauernd in Schweiß und manchmal bis zur Verzweiflung.
Aber dann auch wieder zu bodenlosem Entzücken, Bewunderung und zu einer so bedingungslosen Liebe, wie ich sie noch nie für jemand empfunden habe.
Ich kann mich dagegen nicht schützen, ich bin ausgeliefert, und oft tut es fürchterlich weh.
Und die Angst, wenn das Kind krank ist!
Und die Erleichterung, wenn es wieder gesund ist!
Soviel Gefühls-Auf-und-Ab durch Maschinen zu erreichen, etwa durch eine raffinierte Berg-und-Tal-Bahn auf dem Rummel oder durch einige aufwühlende Filme im Fernsehen, das würde eine Menge Öl kosten.

Leben mit Kindern ist intensiv. So wie Leben mit einem Garten, in dem das Unkraut nie ausgeht, aber auch Sachen gedeihen, um die ich ehrlich gekämpft habe, als sie fast eingehen wollten.
Und Leben mit einem neuen Fido, der klaut wie ein Rabe und mit seinen Pfoten die Sessel versaut, aber geduldig dabeisitzt, wenn ich Fleisch schneide und jedes Mal harmlos wedelt, wenn ich aufsehe – es wird wieder sehr weh tun, wenn er stirbt, natürlich – aber dafür neun Jahre lang keinen Fido?!

Und dann ist Leben intensiv mit so einem Frank, der dickköpfig ist und launisch, aber auch überraschend verständnisvoll, wenn es darauf ankommt, mit dem es immer was zu rangeln gibt, auch wirklich schlimme Krisen, in denen ich heule wie ein Kojote... Und wieder Zeiten, in denen ich triumphierend glücklich bin und mir einbilde, ihm nähergekommen zu sein.

So möchte ich leben. Muss gar nicht endlos lange dauern, aber intensiv soll es sein. Und wenn ich sterbe, dann möchte ich es mitkriegen. Ich will wissen, wie das ist. Ich will dabei sein. Geht mir weg mit den Maschinen...

Erschienen in Cosmopolitan