Ich ziehe Hunde vor von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Ich ziehe Hunde vor

Ich weiß, ich weiß: Katzenliebhaber sind edel, sensibel und sympathisch. Künstler sind das und feine Menschen.
Wir Hundeliebhaber tragen Stiefel und Schnauzbärte, brauchen jemand, den wir rumkommandieren können und erinnern dauernd an Hitler,

Ich weiß, ich weiß: Tucholsky mochte die Beller nicht und hat einiges dagegen geschrieben, und Goethe legte sich mit einem Pudel an, der auf der Weimarer Bühne auftreten sollte: „Der Hund oder ich!“ sprach der Dichterfürst.
Sein Chef, Großherzog Karl August aber wollte unbedingt den dressierten Köter erleben, und so zog sich Goethe schmollend zurück und dichtete:
„Dem Hundestall soll nie die Bühne gleichen, und kommt der Pudel, muss der Dichter weichen.“
Außerdem ließ er Mephisto in einem Hund wohnen, er machte den Teufel also zu des Pudels Kern.

Ich weiß, ich weiß: Katzenfreunde sind Individualisten, Hundefreunde Vereinsbrüder. Katzen machen keinen Lärm und benutzen fein säuberlich ihr eigenes Klo – oder sogar das von Frauchen. (Ich habe schon von einer Katze gehört, die den Spülknopf drücken kann.)
Hunde bellen, beißen und verschmutzen die Umwelt.

Mag ja alles richtig sein.
Und trotzdem empfinde ich für Katzen nur eine vage Sympathie, während ich noch den schmuddeligsten Straßenköter knuddeln könnte.

Ich glaube, Hunde erinnern mich an Männer – ja, das wird es wohl sein.
Auch ein dicker, narbenbedeckter Kater, dem von der letzten Schlägerei ein Ohr fehlt, ist eher weiblich.
Beobachten Sie ihn, wie er elegant und lautlos auf den Schrank springt, sich umdreht und Sie mit kühlem Sophia-Loren-Blick mustert!

Und die zarte, anschmiegsame Hündin, die laut bellend und eifrig mit der Nase schubsend, mit ehrlich begeisterten Augen vor dem Mauseloch herumtanzt, während die Maus längst durch den Hintereingang verschwunden ist – sie mutet männlich an.

Hat eine Katze eben die Vase heruntergestoßen, sitzt sie majestätisch auf der Stelle und schließt gelangweilt die Augen. „Fiel da was? Ich habe keine Ahnung.“

Ein Hund würde die Ohren hängen lassen, vielleicht versuchen, den Unbekümmerten zu spielen, und so schuldig aussehen, wie er ist.

Hunde können nicht lügen. (Dackel ausgenommen, aber die lügen auch schlecht.)
Schwindelt eine Frau, weiß man nie so recht – vorausgesetzt, sie ist eine richtige Frau –, ob sie das nun selbst glaubt oder ob es eine faustdicke Lüge ist.

Ein Mann räuspert sich, zieht die Augenbrauen streng hoch, meint: „Es wird heute Abend wohl spät...“, steckt energisch die Hände in die Hosentaschen – und hat sich schon verraten.

Ein Hund schlägt sich mit Gewissen und Gesetz herum. Der Mensch hat Vasen gemacht, und er hat Verbote gemacht, der Mensch ist der große Kumpel, dessen Richtlinien der Hund treuherzig übernimmt.

Eine Katze zuckt anmutig mit den Schultern: eine Vase? Ja, du liebe Zeit, wieso stand die auch da?
Sie hat ihre eigenen Gesetze, und nach denen ist sie nicht schuldig. Nie schuldig. Schnurr.

Nicht, dass Katzen etwa ausdruckslos wären. Aber von einer breit grinsenden Katze habe ich (außer bei „Alice im Wunderland“) noch nie etwas gehört, während es breit grinsende Hunde gibt wie Sand am Meer.

Das Weibliche an den Katzen und das Männliche an den Hunden dürfte auch darin liegen, dass Katzen Reaktionen auslösen, während Hunde reagieren.
Dass Hunde viel spontaner sind und viel leichter reinzulegen.

Sie kennen doch die Geschichte von dem Hund, der beim Pokern nur verlor, obwohl er phantastische Karten bekam? Er merkte gar nicht, dass er ständig wedelte…

Männer und Hunde haben den Jagdtrieb. Machen Sie mal die Probe, und rennen Sie aus heiterem Himmel weg – er, der Hund oder der Mann, wird hinterherpreschen, ehe er weiß, was er da eigentlich tut.

Eine Katze braucht kein Lob.
Ein Hund dreht Saltos, wenn er etwas Tolles geschafft hat und dafür gepriesen wird. Er kann seinen Stolz nicht verbergen und kommt immer wieder angehetzt, um mit schiefem Kopf anzufragen, ob das nicht wirklich...? Nicht wahr? Das hat er doch gut gemacht!

Eine der großen weiblichen Tugenden der Katze ist, dass sie zuhören kann.
Sie sitzt mit stillen, großen Augen da und scheint zu lauschen, sie nimmt Monologe in sich auf... oder sie tut jedenfalls so, während sie möglicherweise ihren eigenen Gedanken nachhängt.

Ein Hund quatscht mit.
Wenn er nicht bellt, so gibt er durch Faltenwurf und Mienenspiel seine Meinung zu erkennen.
Ein langer Spaziergang mit einem Hund ist etwas Schönes: Er kommt plötzlich, mit Erde auf der Nase und Heidekraut hinter den Ohren, an, das Fell voller Tannennadeln, strahlt und niest und erzählt eine lange Geschichte von seinen Heldentaten; reine Prahlerei, man weiß genau, was sich wirklich abgespielt hat.

Eine Katze legt Ihnen sanft mit undurchdringlicher Miene ein totes Mäuschen vor die Füße, und Sie sind baff und haben keinen Schimmer, wie sie dazu gekommen sein mag.

Hunde sind Krieger, ja, sie sind Militaristen.
Sie jagen in der Meute, befehligt von einem Oberhund oder stellvertretend von einem Herrn. Sie bilden sich was darauf ein, zu gehorchen: „Da saßen wir alle, sauhungrig die Jungs, nach der wilden Jagd, da lag das tote Karnickel... und der Kommandeur hat uns fünf Minuten lang warten lassen, keiner durfte sich rühren, bis er endlich erlaubte, Essen zu fassen.... das war hart!“ würde ein Hund mit leuchtenden Augen erzählen und fortfahren: „Ja, das war ein knallharter Kerl, der Alte, aber uns hat's nicht geschadet, bisschen Disziplin... sieh dir die heutigen Welpen an!“

Eine Katze jagt auch, aber sie erledigt das ganz allein.
Verträumt beobachtet sie, dass die kleine Eidechse jetzt nicht mehr so schnell weglaufen kann, weil sie ihr ein paar Beine abgebissen hat, und es wird interessant sein zu sehen, was geschieht, wenn der Schwanz auch noch weg ist...
Hinterher macht sie keinen mehrstrophigen Heldengesang daraus, sie putzt sich sorgfältig das Blut vom Schnäuzchen und liegt dösend in der Sonne.

Während der Zeit der schweren Hexenverfolgung galt die Katze als Partnerin der Hexe, und es wurden Hunderte, Tausende verbrannt.
Seitdem hat noch die Hexe im Märchen eine schwarze Katze auf der Schulter. Geht man dem eigentlichen Grund für die Verfolgung nach, ist der Katzenhass eigentlich ganz einleuchtend.
Ausgehend vom strengen jungen Christentum, einer Religion, die das Männliche verherrlicht in der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist, die Frau nur als kärglich-keusch gelten lässt in der Jungfrau Maria, war sinnliche Weiblichkeit so ungefähr das Allerletzte.
Mönche und Heilige lebten im Zölibat auf Biegen oder Brechen, und wenn ihnen dieser oder jener Trieb zu den Knopflöchern hinauswuchs, wurden sie vor Schuldgefühl und Bestürzung fast wahnsinnig.
Kräftige, gesunde Männer bekämpften fiebrig die ekelhafte Natur in sich, sie schlugen sich, ganz männlich, mit ihrem Gewissen und den Gesetzen herum. Volles Haar drückt Potenz aus, und der gestrenge Mann schor sich das meiste davon weg... Dann starrte er gequält auf ein paar Katzen, die es in ihrer schamlosen Art im Klostergarten trieben.
Diese geschmeidigen, rätselhaften Biester schienen alles auszudrücken, was er fürchtete.
Nicht ganz zufällig heißt das pelzige, weiche Tierchen in England Pussy und bei uns Muschi.
Ins Feuer damit. Und nicht einmal da sind sie zu packen....
Der Blick bleibt unergründlich, sie ziehen sich immer irgendwohin zurück, niemand vermag ihnen zu folgen.

Dass die Katzen in dieser Zeit so viel Charakterstärke behielten, nicht zu bellen oder zu wedeln, ist beachtlich.
Legen wir eine Gedenkminute ein für sie, die als Symbol verfolgt wurden.
Ich bewundere sie und fühle mich ihnen Schwesterlich verbunden.

Und dennoch... ich liebe die andere Sorte.
Die Schnobernden, Eifrigen, Lauten, Starken, diese Angeber.
Nebenbei bemerkt: So stark sind sie ja nicht.
Ein Hund kippt um und ist erledigt. Es ist die Katze, die über neun Leben verfügt.
Der Hund macht ein Riesengeschrei um seine Wunde, er übertreibt und leidet deutlich, weil er das nicht gewohnt ist, er, der Sieger.
Die Katze schleicht sich still davon. Sie hat jahrtausendlange Übung im Leiden und Aushalten, ihre sanfte Zähigkeit ist enorm. Sie braucht kein Mitleid.
Der Hund ist darauf angewiesen, dass Sie ihn bedauern.

Spielen Sie mal mit einer Katze „Wer zuerst lacht“.
Gucken Sie unverwandt in diese spiegelnden großen Augen, die keinen Eingang haben. Sie werden verlieren.

Machen Sie dasselbe mit einem Hund: Er zieht die Nase kraus, zuckt mit den Ohren, niest verlegen, guckt weg, haut Ihnen liebevoll bittend die Pfote aufs Knie: „Alte, was soll das?“

Strafen Sie mal eine Katze durch Schweigen und Nichtbeachten. Das geht gar nicht.
Aber einen Hund?! Der wird verrückt dabei. Er muss Beachtung haben, Ansprache, Lob.
Eine Katze verlangt ihr volles Schüsselchen, Sinnlichkeit – Gekraule, wie sie es mag. Nicht zu viel Lärm.

Ein Hund braucht Liebe.
Das ist es wohl. Ich liebe sie, weil sie so offensichtlich Liebe brauchen, diese Hunde.

Erschienen in Cosmopolitan