Hansjörg Felmy von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Traum–Männer aus der Nähe (2. Folge)


Hansjörg Felmy

der verschmitzte Gentleman
Das Hamburger Hotel, aus dem ich ihn abhole, ist klein und exklusiv. Er selbst ist natürlich auch exklusiv, aber nicht so klein, wie ich dachte. Seine 1,76 wirken nahezu hochgewachsen, weil er sich auf elastische Weise gerade hält und die Schultern zurücknimmt.
Den schönen schmalen Kopf trägt er hoch wie ein edler Jagdhund.
Wir treffen beinah gleichzeitig ein, er kommt direkt von Dreharbeiten.
Schon beim ersten Telefongespräch hatte er das Restaurant angegeben: „Mühlenkamper Fährhaus. Da esse ich am liebsten, wenn ich in Hamburg bin.“
Ich hatte halb im Spaß gemeint, dann müsse ich mich ja als Dame verkleiden, und er antwortete nicht ohne Würde: „Das wäre mir auch sehr angenehm.“
Also glänze ich an diesem Abend in schwarzer Seide, elegant, aber frierend.
Flanell wäre bei der kalten Witterung angebrachter gewesen.
So denkt wohl auch Herr Felmy. Denn er trägt einen warmen Pullover über dem Hemd und einen Wollschal um den Nacken. Felmy wirkt wie ein englischer Baronet im Freizeitlook.
Dazu der Hauch von Distanz und Rasierwasser, der ihn umschwebt . . .
Die Distanz verfliegt schnell; schon im Taxi berlinert er und erzählt Geschichtchen.

Im Restaurant bekommen wir einen extra schönen Tisch. Alle Angestellten des Hauses kennen ihn und betrachten ihn, als ob sie ihn gern streicheln würden, sich aber nicht trauen.
Bevor er zur Karte greift, erinnert er sich an die gelbe Rose, die ich ihm mitgebracht habe.
Er bittet um eine Vase voll Wasser, arrangiert die Blume liebevoll und stellt die Vase zwischen uns.
So. Und nun zum Essen. Es macht ihm Spaß, mir Vorspeise und Wein zu empfehlen, nicht diktatorisch, aber voll Sachkenntnis.
Ich nehme dankbar an.
Ab und zu streift mich sein Blick unter geschlitzten Augenlidern, die Augen bleiben bestens verborgen. In seinen Mundwinkeln sitzen kleine ‚Schnörkel‘, Zeichen seiner heiteren Grundhaltung. Beinah alles, was er sagt, hat Witz. Und der reicht vom verschmitzten Ulk bis zur bissigen Ironie.
Hansjörg Felmy ist der jüngste von drei Brüdern – im Märchen ist das immer der Glückliche, der zum Schluss die Prinzessin und das halbe Königreich bekommt.
Als Glück hat er beispielsweise empfunden, dass er mit vierzehn Jahren und nach zweimaligem Sitzenbleiben („in derselben Klasse ooch noch!“) die Schule hinter sich hatte.
Das zwanghafte Hingehen-und-stillsitzen-Müssen war dem freiheitsliebenden Jungen, Sternzeichen Wassermann, einfach zu viel.
Und Glück sei es auch, immer im richtigen Augenblick mit irgendetwas – einer Rolle, dem Film, dem Theater – anzufangen oder wieder aufzuhören.
Er ist stolz darauf, in seinem ganzen Leben noch nie jemanden ausgebeutet zu haben. Er hat nie etwas geerbt und nie etwas geschenkt bekommen. Alles hat er sich allein geschaffen.
Und da er ein gewissenhafter Arbeiter ist, ärgert er sich bei aller Friedlichkeit über junge Kollegen, die es nicht für nötig halten, ihren Text richtig zu lernen, sei er noch so kurz.
Die ihn damit zwingen, seinen ellenlangen Text dann auch drei-, viermal hintereinander aufzusagen. Da wird er grantig, setzt sich erst mal in eine Kneipe und wartet, bis der andere seinen Text gelernt hat.
Disziplinlosigkeit regt ihn wirklich auf.
Während er darüber schimpft, werden seine Augen ganz rund und stachelbeergrün.

Sein Vater war preußischer Offizier, Fliegergeneral, und im Hause Felmy herrschte Disziplin. Eingegangene Verpflichtungen wurden unter allen Umständen erfüllt.
Wenn er von seinen Eltern spricht, bekommt er zärtliche Falten um die Augen.
Dann erzählt er mir folgende Episode: Als er zwölf war, küsste er zum ersten Mal ein Mädchen. Die Geschichte kam raus, es gab einen Riesenskandal.
Er wurde von der Mutter zum Vater beordert: „Hansjörg!“ hieß es und nicht Hannes, das ließ Böses befürchten.
Vater fragte, ob Mutter weg sei – schloss sorgfältig die Tür, packte seinen Jüngsten bei den Schultern und sagte mit Nachdruck: „Also, Junge, Hauptsache, es war schön!“

Auch die Großmutter, die lange in seinem Haus wohnte, liebte er.
Felmy gibt eine Vorstellung, wie sie schon arg schwerhörig, am Telefon agierte.
Er rief von außerhalb an und brüllte, eingedenk Omis schlechter Ohren, wie ein Stier: „Omi?!!“ – und dann wird er beim Erzählen zum alten, faltigen Muttchen, das Ober- und Unterlippe nachdenklich umeinander mumpfelt, listig einen imaginären Telefonhörer anblinzelt und „Hallo...?“ schnarrt.
Ich mache Herrn Felmy darauf aufmerksam, dass er zweifellos schauspielerische Begabung besitzt.
Und bekomme sofort noch eine kleine Szene serviert.
Peter Ustinov hat ihm einen Ostfriesenwitz erzählt. (Wie weihen die Ostfriesen eine Sektfabrik ein? Sie werfen einen Ozeandampfer dagegen.)
Nun ist der Witz ganz nett. Aber er gewinnt gewaltig, wenn ihn Peter Ustinov erzählt.
Und er bekommt ungeahnte Glanzlichter, wenn Hansjörg Felmy den witzeerzählenden Peter Ustinov nachmacht. Plötzlich scheint er eine viel zu lange Oberlippe und ein pralles Bäuchlein zu haben.
Ich blinzle verwirrt und überlege, mit wem ich eigentlich hier sitze.

Der Herr hat sich zurückgelehnt und bestellt Espresso. Zu meiner Beruhigung schaut er nun wieder aus wie eine Mischung aus Thomas Buddenbrook und Kommissar Haferkamp.
Nach dem Essen stürzen wir uns auf die paar harmlosen Fragen, die ich ihm gern stellen möchte.

Sein Lieblingslied ist also „Ganz Paris träumt von der Liebe“, von Caterina Valente gesungen. Und er liest am liebsten Bücher von Thomas Mann, aber die metaphysischen.
Lieblingsgetränk: Bier – auch trockener Weißwein.
Lieblingszeit ist die nachmittägliche Dämmerstunde, und die passt zu seiner Lieblingswitterung: Schmuddelwetter an der Nordsee – das liebt er. Draußen, zum Spazierengehen, und drinnen, um es gemütlich zu haben.
Übrigens trägt er immer noch seinen schönen, karierten Wollschal.
Wieso eigentlich?
„Ich hab's gern warm daherum. Das ist so kuschelig“, sagt er und kriecht genießerisch mit beiden Ohren in die Wolle.
Das ist als Trauma aus der Krieg- und Nachkriegszeit, als es so kalt und ungeheizt war, hängengeblieben.
In seinem Haus an der Nordsee, erzählt er zufrieden, gibt es drei voneinander unabhängige Heizsysteme – falls das eine oder das andere ausfällt. Und im Kamin ist immer Feuer, im Sommer wie im Winter,
Was gefällt ihm, äußerlich, an ihm selbst, und was hätte er gern anders? „Ick freu mich, det ick wie'n Mensch aussehe.“
Und ab und zu ärgert er sich ein bisschen über den kleinen kahlen Fleck oben am Hinterkopf – weil es so blöd ist, wenn man der Kamera den Rücken dreht und davon schreitet und weiß, nun guckt jeder auf die Mönchstonsur.
Seine Lieblingsblume ist das Gänseblümchen.
Die Zeit, in der er am liebsten gelebt hätte, das Rokoko: wegen der tiefen Dekolletés der Damen.
Er liebt Frauen, sagt er, möchte aber „ums Verrecken“ nicht selbst eine sein.
„Die haben es so viel schwerer, vom Kinderkriegen mal abgesehen, das kommt noch dazu, aber sie sind doch in der Gesellschaft immer noch benachteiligt!“
Die Frau seiner Träume muss vor allem Humor besitzen. Wenn sie den nicht hat, kann sie so schön sein, wie sie will, es lässt ihn kalt.
„Ich bin in meinem Leben mehr starken Frauen als starken Männern begegnet. Und die meisten waren auch anständiger und charaktervoller!“
Darauf trinken wir. Ich schaue ihn inzwischen ähnlich begeistert an wie das Restaurantpersonal.

Zum Abschied bekomme ich einen Handkuss, und er schärft dem Taxifahrer ein, mich gut und sicher nach Hause zu bringen. Mir scheint, der fährt daraufhin besonders diszipliniert.
Ein Offizierssohn und Gentleman hat zu ihm gesprochen . . .

Erschienen in Für Sie