Ein nettes kleines Essen von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Ein nettes kleines Essen

Sie haben sich mit ihm verabredet, Sie wollen zusammen zu Abend essen.
Jetzt gibt es normalerweise nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie laden ihn ein – das bedeutet gemeinhin, Sie müssen sich eine Schürze um die Lenden winden und in Ihren Töpfen kramen, im Kochbuch blättern und im Gewürzschrank rumpeln.
Es soll ja gut werden, exzellent nach Möglichkeit, nichts angebrannt und auch noch nichts kalt, wenn er kommt.
Ja – aber gleichzeitig wollen Sie im Augenblick seines Erscheinens schürzenlos, frisch geschminkt, ohne Soßenspritzer auf der Bluse oder im Antlitz sein und mitnichten den Geruch von gebranntem Fett im Haar haben.
Machen Sie das mal.
Ganz zu schweigen vom Geschirrspülen am nächsten Tag.

Die andere Möglichkeit sieht so aus, dass er Sie einlädt.
Dann haben Sie nichts weiter zu tun, als sich unter einer Quarkmaske zu entspannen, bevor Sie der Natur mit Pharmazeutik auf die Beine helfen und ins Tiefdekolletierte schlüpfen. Und eine muntere Miene zu wahren – egal, wo Sie hingeführt werden.
Eine Freundin von mir verabredete sich mit einem engelhaft schönen Studenten mit so langen und dichten Wimpern, dass er fast die Hände zu Hilfe nehmen musste, um die Augen aufzuschlagen.
Er lud sie zum Essen ein, sie warf sich in ihr schönstes, reinseidenes Kleid, investierte noch etliches in eine Schlangenledertasche zu passenden Pumps und wurde dann im Auto des Engels vor dem Hauptbahnhof geparkt.
Als er wiederkam, trug er strahlend in jeder Hand einen Pappteller mit Würstchen, Senf und einem trockenen Stück Brot. Die Cola-Dosen hatte er in der Manteltasche.

Selbst wenn es so schlimm nicht kommt – es wird Ihnen unweigerlich ein paarmal passieren, dass Sie beim Griechen landen, falls Sie sich von einem Noch-nicht Etablierten einladen lassen (die haben nun mal meist die besseren Figuren als Schon-Etablierte).
Nichts gegen Griechen – es gab eine Zeit, als ich noch jung und belastbar war, da fand ich den Geschmack von Schafskäse und schwarzen Oliven hochinteressant, und auch Sirtaki vom Tonband hielt ich stundenlang aus.
Griechische Restaurants scharen sich nicht von ungefähr gern um die Universitätsviertel – man bekommt eine Menge fürs Geld.

Was kann Ihnen noch zustoßen? Alles Mögliche: eine Eckkneipe, in der er Stammgast ist und wo hauptsächlich Bier gegessen wird, außer vielleicht einem Bauernfrühstück. Ein todschickes italienisches Restaurant, weil er die italienische Küche so liebt, während Sie gerade mal
nach Ochsenschwanzsuppe schmachten, und auf der Karte steht nur – Minestrone.

Dann gibt es die Möglichkeit, in der er Sie in ein Restaurant einlädt (einschließlich der erwähnten Unbilden), während Sie ihm nach genossenem Mahl schrecklich diskret unterm Tisch Ihr Portemonnaie zuschieben, bis es runterfällt und der Oberkellner fragt, ob es Ihnen gehört.

Wozu eigentlich der Umstand? Sie sind doch sonst so selbstbewusst und natürlich und verschwenderisch, da könnten Sie sich's doch wirklich leisten, einen x-beliebigen Herrn Ihrer Wahl in ein ganz bestimmtes Lokal Ihrer Wahl einzuladen.

Denken Sie, wie nett das wird: Sie bestellen rechtzeitig einen Tisch und einigen sich am Telefon mit dem verständigen Ober über das Menü einschließlich der Weine.
Dann wissen Sie sogar, wo Sie sich hinsetzen werden, damit es nicht an den Nieren zieht.
Wenn Sie wirkliches Selbstbewusstsein haben, warten Sie auch nicht in Ihrer Wohnung, bis er Sie abholt.
Warten schadet dem Teint, und wer ist schon pünktlich? Wie peinlich, wenn er ein Zu-früh-Abholer ist, der herrisch klingelt, während die besagte Quarkmaske sich gerade auf Ihrem Gesicht wohlzufühlen beginnt und sich Ihnen alle Lockenwickler sträuben.

Nein, fahren Sie selbst hin.
Dann macht es nichts aus, wenn Sie es nicht ganz rechtzeitig geschafft haben. Er muss warten. Denken Sie daran, den Beifahrersitz im Auto möglichst weit nach hinten zu schieben, damit er bequem seine Beine unterbringen kann.
Wie schön, ein Restaurant zu betreten, das man genau kennt. Der Ober wird Ihnen zuzwinkern, während er den Kir Royal serviert, und Sie wissen, dass der Palmenherzsalat so zart und gut gewürzt ist wie immer.
Lassen Sie Ihren Begleiter gar nicht erst in einer Karte blättern, schon gar nicht in der Weinkarte. Lesen Sie ihm lieber aus den Handlinien eine erfolgreiche Karriere, damit er inzwischen keine Komplexe bekommt.
Zum Wildschweinbraten trinken Sie ohnehin den schweren Barolo, um sich ein bisschen zu entspannen.
Vergessen Sie nicht, sich die – abgestempelte – Rechnung geben zu lassen.
Aber Bemerkungen wie „Dann kann ich's nämlich absetzen!“ sind überflüssig. Sie sollten überhaupt taktvoll und sanft vorgehen und nicht vor Triumph glucksen.
Ein funkelndes Siegerauge ist nicht angebracht.
Die Ärmsten sind es noch nicht gewohnt, für einen Abend gekauft zu werden. Uns lässt so was aus Gewohnheit kühl – wir fühlen uns häufig noch nicht mal zu irgendwas verpflichtet.
Bei Männern, diesen sensiblen, durchgeistigten Wesen, ist das anders: Sie könnten ins Grübeln kommen. Das sollten Sie vermeiden.
Bemühen Sie sich, so süß und weiblich und geheimnisvoll wie möglich zu wirken. Schließlich – einen erfreulichen Beitrag zum Abend soll er ja auch noch leisten. Verderben Sie's nicht!

Erschienen in Cosmopolitan