Der kritische Blick oder die Gnade des Schön-Sehens von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Der kritische Blick oder die Gnade des Schön-Sehens

Ich staune immer wieder, wie viele Menschen sich durchs Leben nörgeln, indem sie an der fehlenden Hälfte von irgendwas herummeckern, ohne sich an der vorhandenen Hälfte zu freuen.
Vor allem, wenn es um eventuelle Partnerbeziehungs-Objekte geht: „Der käme für mich sowieso nie in Frage, der mit seinen O-Beinen!“
In der Schule war ich in Björni verknallt, und ich teilte das meiner besten Freundin beglückt mit.
„Björni?“, sagte die, „Igitt, der hat doch eine Zahnspange!“
Das war mir weiter nicht aufgefallen. Björni hatte wunderschöne dunkelblaue Augen, trug mir immer meine Schultasche, und im Weihnachtsspiel hatte er einen Josef hingelegt, dass jedem die Spucke wegblieb.
Allerdings, sah ich jetzt: Wenn er lachte, waren da seine mit Silberdraht zugebauten Zähne. Na und? Er hatte immer noch schöne Augen. Ich liebte ihn weiter.
Ich habe in dieser Beziehung nämlich eine Macke Ein gemeiner Mensch hat mal von mir behauptet, ich hätte deshalb sowie Glück in der Liebe, weil mir jeder Mann gefiele.
Das ist nicht wahr. Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass ich mich nie in einen hässlichen Mann verlieben könnte. Und wenn er noch so viel Geist und Charakter hätte. Ich bin sehr optisch orientiert, wirklich, Schönheit muss sein. Aber wenn Sie sehen würden, was ich so alles schön finde...
In meiner Jugend erzählte ich zu Hause verklärt von den Traumprinzen, die ich kennengelernt hatte, und schleppte sie, sobald es sich machen ließ, zur Besichtigung an. Da verbarg dann meine Mutter oft das Haupt in den Händen, wenn sie die Traumprinzen sah.
Sie nahm mich hinterher behutsam beiseite und fragte: „Sagtest du nicht, er hätte eine Figur wie Tarzan? Ist dir aufgefallen, dass er kürzere Beine hat als eine Schildkröte und so gut wie gar keine Stirn?“
Und ich erwiderte: „Aber Tarzan war doch auch kein Denker Mama! Du musst zugeben, dass er einen prachtvollen Oberkörper hat.“
Ich bin gar nicht böse über diese Gabe, die mir eine (wahrscheinlich selbst etwas kurzsichtige) Fee in die Wiege gelegt hat. Sie ist mir lieber als das häufiger verteilte Geschenk böser Feen, die Fähigkeit nämlich, immer noch ein hässliches Haar in der schönsten Suppe zu finden.
Ich kenne leider sehr viele Menschen, die sich geradezu darauf spezialisiert haben, optische Fehler anderer herauszupicken.
Das trifft weniger die Hässlichen, da sieht's sowieso jeder. Nein, vorzugsweise die Hübschen und Attraktiven werden nach kleinsten Makeln abgetastet. Vergangenen Sommer belauschte ich im Strandkorb ein Gespräch im Nachbarkorb. Zwei Männerstimmen tauschten ihre Eindrücke über die am Wasser entlangwandelnden Mitmenschen aus.
Sie hatten sich die von rechts nach links Gehenden aufs Korn genommen, und da ich links von ihnen saß, bekam ich also immer zuerst die Zensur zu hören und dann die Kandidatinnen zu sehen.
Das war interessant. Ihre Urteile klangen durchweg vernichtend.
„Guck dir dies Fahrgestell an“ – da kam ein Mädchen mit kräftigen Waden und Fesseln, aber apartem Gesicht und einem Schwall schimmernder Locken, fast taillenlang.
Dann kam: „Ööe – hat die 'ne Wampe!“ – eine Frau mit Bauchandeutung, im Übrigen oben ohne, und da zeigte sie beneidenswert schöne Brüste.
Männer verschonten die Kritiker auch nicht: „Er hier, Mister Universum!“ – das galt einem Mann mit sichtlich studiogeformtem Bizeps. Vielleicht etwas zu betont, aber ich fand ihn ausgesprochen appetitlich.
Nachdem ich dieser Vernichtungsarbeit eine Weile gelauscht hatte, wurde ich neugierig. Ich wollte die Herren Kritiker zu gern mal sehen und marschierte um ihren Korb herum. Und erwartete irgendwie, da müssten zwei Dressman-artige Wesen mit Märchenaugen sitzen.
Die zwei ähnelten sich. Beide hatten etwa 20 Kilo zu viel drauf, bekamen ihr Bibergebiss nicht unter die Oberlippe und pellten sich auf den Kartoffelnasen in leuchtendem Pink. Ich starrte sie fasziniert an, bis ich bemerkte, dass sie zurückstarrten. Da machte ich mich eilig von dannen.
Ich konnte mir leider sehr gut vorstellen, wie ihr Urteil über mich ausfallen würde.
Bedauerlicherweise nämlich versagt mein freundlich-kurzsichtiger Blick, sobald ich ihn in den Spiegel richte. Schaue ich mich selber an, bin ich ein gemeiner zersetzender Kritiker. Da geht's mir wie allen anderen Fehlersuchern.
Nun aber habe ich Yukiko kennengelernt, eine Japanerin.
Wir sprachen über dieses Thema, während wir Kirschen aßen. Also: Schönheit, vollkommen oder unvollkommen, und warum sehen einige nur die Fehler?
„Es ist nicht höflich, darüber zu grübeln, warum andere Menschen unhöflich sind“, sagte Yukiko zunächst.
Und nachdem sie das abgeschossen hatte, griff sie eine blanke Kirsche am Stängel und drehte sie vor meinen Augen. „Siehst du, wie schön sie ist? Sie lebt. Keine andere Kirsche auf der Welt ist ganz wie Sie. Hier hat sie eine kleine Delle. Der Stängel wächst ein wenig schief heraus. Ein guter Maler würde sie genauso wiedergeben. Ein schlechter würde sie verbessern, ihre Fehler weglassen. Dann wird es Kitsch. Vollkommenheit, ohne Makel und Fehler, lebt nicht. Du kannst tausend vollkommene Kirschen machen – aus Plastik.“
Seit ich das weiß, gucke ich nicht nur, wie vorher schon, meine Mitmenschen mit liebevollen Augen an – die meisten jedenfalls.
Ich blicke auch wohlwollender in den Spiegel. Ich bin eben, wie so viele, eine Kirsche mit Delle…

Erschienen im Journal für die Frau