Das Spiel mit den Reizeny von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Das Spiel mit den Reizen –

Eine kleine Flirt-Anleitung
Als die junge Lauren Bacall noch nicht mit Humphrey Bogart verheiratet war, wurde sie vom Regisseur Howard Hawks zu einer Party in seinem Haus eingeladen.
Leider interessierte sich keiner der Gäste genug für Lauren, um sie am Ende des Festes nach Hause zu bringen.
Hawks packte sie also in sein eigenes Auto und fragte während der Fahrt: „Was haben Sie gemacht? Waren Sie etwa nett zu den Männern?“
Lauren gab zu, dass sie das versucht hatte.
„Das nächste Mal“, erklärte Hawks, „sind Sie nicht nett. Versuchen Sie mal, einen zu beleidigen.“
Von der folgenden Party bei Hawks brache Clark Gable die Bacall nach Hause.
Sie hatte ihn gefragt, wo er seine Krawatte gekauft hätte, „damit ich andere Männer davor warnen kann, dort zu kaufen.“

Tatsächlich ist ‚nett sein‘ kein besonders guter Anfang für einen Flirt.
Es reizt nicht genug.
Damit jemand Lust bekommt, sich auf dieses Spiel einzulassen, muss schon eine Herausforderung da sein, die Chance, zu gewinnen oder zu verlieren.

Aus diesem Grund ist es übrigens genauso schlecht, nur aggressiv zu sein.
Wer – außer geborenen Verlierern und Masochisten – ist schon scharf darauf, ständig was an die Ohren zu kriegen?

Am besten verwirren Sie Ihr Opfer. Sie möchten doch gern „verwirrend“ wirken?
Erzeugen Sie einfach ein Wechselbad aus heiß und kalt, warm und lau.
Mal aufmerksam und interessiert, dann gleichgültig, manchmal von oben herab und dann wieder hilflos und schutzbedürftig.
Ist Ihnen das zu kompliziert, dann halten Sie sich ganz simpel daran, abwechselnd ranzupreschen – und sich zurückzuziehen.
Das bezieht sich natürlich nicht nur auf die Worte, die Sie von sich geben. Im Gegenteil: Blicke, Lächeln Mimik, Ausdruck, Bewegungen – mit einem Wort: Körpersprache ist eigentlich das Wichtigste bei der Sache.

Als ich sehr jung war, kannte ich Uta, eine Schuhverkäuferin in der Herrenabteilung und außerdem Expertin auf dem Sektor Flirt & Spiel-mit -den -Reizen“.
Sie gab mir einen Tipp, der meiner Ansicht nach Gold wert ist, weil er praktisch alles beinhaltet, was es auf dem Gebiet zu wissen gibt.
„Du musst“, sagte Uta, „einem Mann, der dich interessiert, gleich zu Anfang einmal ganz tief in die Augen gucken, etwas länger als normal. Und dann – nicht wieder. Hinterher guckst du beim Reden in die Gegend oder kurz in sein Gesicht, auf sein Kinn oder seine Stirn – nicht wieder in die Augen! Du glaubst nicht, wie fest du ihn dann am Haken hast.“
Die Masche ist einsame Klasse, probieren Sie es mal.
In vielen Fällen, zumal während eines konzentrierten Gesprächs, wird der betreffende Herr nicht einmal genau wissen, was da eigentlich passiert ist.
Er wird sich nur durch die Wechselwirkung von Aggression und Rückzug stark angezogen fühlen. Bewusst oder unbewusst wird er alles versuchen, damit Sie ihm bloß noch einmal in die Augen sehen.

Hundekenner wissen, dass es sich nicht empfiehlt, einem fremden Hund groß und lange in die Augen zu sehen, weil er dann leicht zum Gegenangriff, zum Beißen, angeregt wird.
Ein Mann, dem Sie zu lange tief in die Pupille starren, wird zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht beißen, aber er wird sich entweder irritiert fühlen oder sich an dem Gedanken hochziehen, Sie wären völlig hin von seiner männlichen Ausstrahlung.
Vor so einem Dauerangriff kann er entweder wegrennen oder sich ergeben.
Aber Sie nehmen ihm die Möglichkeit, seinerseits hinter Ihnen herzulaufen. Und das wär‘ doch ein Jammer.

Sie haben bestimmt schon eine Katze beobachtet, die hinter einem Wollknäuel herjagt, als sei es das Katzenwichtigste auf der Welt.
Wie hat das Wollknäuel das angestellt? Zuerst ist es vor der Nase der Mieze hin und her gehüpft, hat sie vielleicht sogar angetippt. Dann ist es weggesaust.

Wie spielt eine Frau Wollknäuel?
Die Zivilisation setzt uns gewisse Grenzen.
Wir können nicht mit dem Juchzer „Fang mich doch!“ durch ein Großraumbüro oder ein Restaurant fegen, ohne Befremden zu ernten.
Wir müssen vielmehr im Kater unserer Wahl Sehnsucht wecken.
Ich gebe zu, der Begriff Sehnsucht ist veraltet. Er bezeichnete ein halb angenehmes, halb unangenehmes Ziehen zu etwas oder jemand, das oder den man nicht erreichen, kriegen, verspeisen konnte.
Heute heißt das Frust.

Egal. Als Wollknäuel hüpfen Sie also zunächst mal animierend hin und her – im übertragenen Sinn natürlich. Wer wird schon hüpfen, um zu reizen?
Sie erreichen mehr mit einigen kleinen Gesten, ganz unauffällig und nebenher serviert.
Tippen Sie, wie nachdenkend, mit der Fingerspitze gegen Ihre Unterlippe. Öffnen Sie den Mund dabei ein wenig. Beißen Sie ebenso nachdenklich in ihren Daumen. Lassen Sie Ihre Zungenspitze kurz im Mundwinkel auftauchen. Alles muss so wirken, als sei ihnen das völlig unbewusst.
Wer würde Sie beschuldigen, dass Sie zu einem Kuss auffordern? Aber genau das tun Sie.

Schmusen Sie mit sich selbst, indem Sie zum Beispiel ihre Wange an Ihrer Schulter reiben oder mit der Handfläche über Ihr Knie streichen. Im Grunde können Sie sich die gewagtesten Gesten erlauben solange Sie nur ein hübsch unbeteiligtes Gesicht machen und sich gescheit unterhalten.

Ich beobachtete mal eine Dame, die konzentriert mit einem Herrn über Kybernetik plauderte und plötzlich drei-, viermal mit der Zunge über ihren Handrücken leckte.
Vielleicht juckte es sie, und das war ihr Art, sich zu kratzen?
Auf jeden Fall wirkte ihr Gesprächspartner merklich angeregt.

„Da mach ich mir 'n Schlitz ins Kleid“ ist also gar nicht nötig. Zwar sind tiefe Ausschnitte und hohe Absätze ein Blickfang, aber keine Garantie für Erfolg.
Der kommt erst durchgeschicktes Ausspielen der Reize.

Na gut, wenn Sie darauf bestehen, können wir das Thema ‚Was zieh' ich am verführerischsten an?‘ kurz durchspielen.
Vor allem nichts Übertriebenes. Jedes Zusehr, ob raffiniert-elegant oder aufreizend-supersexy macht die meisten Männer beklommen.
Einfache Schnitte, die Ihre Figur unterstreichen, sind immer gut.
Normalerweise (wenn sie nicht gerade aus der Mode-Branche sind) scheren sich Männer einen Teufel um Mode.
Es ist ihnen egal, ob Wolle und Leinen gerade der letzte Schrei sind, sie werden immer nach weichen Stoffen verlangen, nach einem Material, das die Körperform nachzeichnet.
So wie wir von den Herren unwillkürlich erwarten, dass sie wie ein Y gebaut sind, wird von uns seit jeher erwartet, dass wir einer 8 gleichen.
Einer 8 auf langen, schlanken Beinen, versteht sich. Dem tut weder ein Sackkleid noch ein auf die Hüften gerutschter Gürtel gut.
Wenn Sie jetzt einwenden, das sei ein „Lustobjekt“-Standpunkt und Ihnen schnürt keiner was um die Taille, Sie tragen bequeme Hänger und solide Laufschuhe, dann kann ich Ihre Meinung nur respektieren. Sie werden eben dem Mann ihrer Träume auf die Schulter klopfen und eine eventuelle Partnerschaft ehrlich ausdiskutieren.

Apropos Schulterklopfen: Natürlich sollen Sie es nicht bei der Augen-Aggression bewenden lassen. Tätliche Angriffe sind sehr wirkungsvoll.
Wenn Sie sich von ihrem Gegenüber angezogen fühlen, wird es Ihnen sowieso in den Fingern jucken, ihn anfassen. Sie können das im übertragenen Sinn machen, indem Sie mit seiner Zigarettenschachtel spielen, direkter, wenn Sie ihm Krümel vom Arme sammeln oder sich seine Krawatte um den Finger rollen.
Oder gewagt: Sie trauen sich, aus heiterem Himmel, die Form seiner Augenbrauen oder seiner Unterlippe mit dem Finger nachzuziehen. Tun Sie gleich darauf, als sei gar nichts gewesen, sonst ist der Effekt weg.

Mit welchen originellen Beleidigungen füllen Sie nun am besten ihre Sprechblase?
Bacall stellte es gescheit an mit ihrer Krawatten-Kritik. Den Schlips konnte Clark einfach abbinden, ohne eine ernstliche Schramme an seinem Ego zu erleiden.
Hätte sie ihn auf seine Segelohren angesprochen . . . aber das tat sie nicht.

Was sich liebt, das neckt sich, und was sich noch nicht liebt, sondern erst mal miteinander flirtet, das neckt sich erst recht.
Sie sollen ihr Gegenüber reizen – nicht vernichten.
Wenn Sie ihm also irgendeine Dreistigkeit vor den Kopf knallen, dann schenken Sie ihm gleichzeitig Ihr schönstes Lächeln und dämpfen gleich darauf mit einem Kompliment alles etwas ab.
Sie können auch genau andersherum vorgehen: erst ein Kompliment machen und gleich hinterher die Frechheit servieren.
„Das Grübchen in Ihrem Kinn ist einfach toll. Lenkt richtig von Ihrer Frisur ab.“
Sie werden sehen, wie es in seinen Augen zu funkeln beginnt. Das Spiel kann losgehen . . .

Erschienen im Journal für die Frau