Cynthia Lennon von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



„Ein Glück – er ist nicht wie John!“

Der kleine Ort Temple Sowerby liegt viereinhalb Autostunden von London entfernt, nahe der schottischen Grenze. Hier hat sich Cynthia Lennon ein schönes Haus gekauft, sehr alt und sehr englisch.
An dem kühlen Frühlingstag, als ich sie besuche, brennt zwar ein Feuer im Wohnzimmerkamin, aber das heizt nicht sehr. Später im Garten in der Sonne wird mir bedeutend wärmer.
Ein paar Schneeglöckchen und Krokusse wachsen neben einem Kaminschornstein aus dem Boden.
Ein Schornstein im Garten?
Nun, dieser markiert ein wichtiges Ereignis in Cynthias Leben.
Am 8. Dezember 1980, in der Nacht, als John Lennon in New York erschossen wurde, fiel er mit Getöse von Cynthias Hausdach in Wales, wo sie damals noch lebte. Ein makabrer Einfall oder so etwas wie ein letzter Gruß von John?
Inzwischen ist Cynthia mit dem Ding zweimal umgezogen und hat es nun hier im Garten neben den Blumen in die Erde gesteckt. –

Wenn ich mir Cynthia angucke: sie sieht eigentlich noch ganz genauso aus wie auf den Fotos, die vor 20 Jahren ‚die Beatles mit ihren Frauen‘ zeigten. Blond, zierlich und immer strahlend.
In den letzten Monaten erhielt die Popularität des Namens Lennon neuen Auftrieb: Sie hat ein Buch herausgegeben, und auch ihr Sohn scheint auf dem Weg, ein Welt-Star zu werden. Julian Lennon hat auf die Hülle seiner ersten Langspielplatte einen Dank geschrieben: ‚Meiner Mutter Cynthia für alles, was sie auszuhalten hatte.‘
Ich frage, ob dieser Dank umfassend gemeint ist?
Cynthia zuckt mit den Schultern: „Ich hatte wirklich einiges auszustehen, seit ich 1958, neunzehnjährig, als Studentin der Kunstakademie in Liverpool, John Lennon kennen lernte. Ich: ein braves, anständiges Mädchen aus bürgerlichem Haus, so der Typ, der aus geordneten Verhältnissen kommt. Bodenständig und solide mit Faltenrock, Twinset und Perlenkette. John: fast genau ein Jahr jünger als ich, der anerkannte Rüpel der Schule und überhaupt das totale Gegenteil von mir. Geborgenheit in der Familie kannte er nicht. Seine Eltern hatten sich getrennt, als er noch ein Baby war. Er wuchs bei einer Tante auf. Er störte ständig den Unterricht durch seine verrückten, boshaften Witze. Unser erster Kontakt bestand darin, dass er mir Pinsel und Lineale klaute. Irgendwann bemerkte ich dann zu meinem Entsetzen, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Lehrer und Freunde warnten mich – umsonst. Sobald ich John ‚gehörte‘, ließ er seine Launen an mir aus, schlug mich, machte Eifersuchtsszenen.“

Die Frühlingssonne verschwindet unter Wolken, wir gehen ins Haus zurück. Cynthia kocht Tee und wir setzen uns vor den Kamin.
„Warum“, frage ich, „hat John Sie so behandelt?“
„Ich glaube, er quälte mich, weil er der Liebe an sich misstraute. Irgendwie hat John meine Liebe immer wieder durchgeschüttelt, um zu prüfen, wie fest sie eigentlich hält. Manchmal war es kaum auszuhalten. Nur bei seiner Musik entspannte er sich. Da wurde sein Gesicht ganz weich. Ein anderer John.“
Cynthia schenkt Tee ein.
Vom Tonband kommt die unverkennbare Lennon-Stimme; aber der Interpret ist nicht John, sondern Julian, der seine eigenen Kompositionen singt.
Cynthia war beim Entstehen dieser Lieder dabei. „Ich habe ja genauso fasziniert die Anfänge der Beatles miterlebt.“

Deren Erfolg kam 1963, als die zweite Single Please, Please Me an die Spitzen der Hitparaden schoss.
Im selben Jahr wurde Julian geboren.
„Als ich merkte, dass ich schwanger war, erschrak ich furchtbar“, erinnert sich Cynthia. „Ich hatte keine Ahnung, wie John reagieren würde“.“
Und wie reagierte er?
„Er fiel mir nicht gerade um den Hals, aber er sagte doch nach dem ersten Schrecken: Gut, also heiraten wir!“
Das taten sie am 23. August 1962.
„Ich wurde zunächst versteckt und verheimlicht wie ein Schandfleck. Ein Beatle als Familienvater – unmöglich! Julian wurde am 8. April 1963 geboren, und John sagte scherzhaft: Na, wird der auch mal so ein berühmter kleiner Rocker wie Papi?“

War John, der angeblich seinen zweiten Sohn Sean (von Yoko Ono) allein versorgte, ein guter Vater?
„Er liebte Juan bestimmt. Aber er hatte keinen Nerv für Babygeschrei, und schmutzige Windeln jagten ihn in die Flucht.“
Schließlich sickerte doch durch, dass John eine Frau und ein Kind hatte. Ein Weilchen später heirateten auch George und Ringo, und Paul verlobte sich. Nun durfte Cynthia alles ganz offiziell mit John teilen, Prachthaus und Rolls-Royce und Amerika-Tournee und berühmte Leute und Drogen.
„Ich denke, dass John mich wahrscheinlich nie geheirate hätte, wenn ich nicht schwanger geworden wäre. Vielleicht war ich einfach zu lieb. Manchmal sprach er tagelang kein Wort mit mir.“

Cynthia steht auf und holt eine neue Zigarettenschachtel. Sie ist nur 1,57 m groß, mogelt aber durch hohe Absätze und kerzengerade Haltung einiges dazu. Mit selbstironischem Lachen fährt sie fort: „Er schwärmte für geheimnisvolle Frauen wie Juliette Greco. Um nichts unversucht zu lassen, und weil ich mich auf Pressefotos schon immer über meinen unvorteilhaften Zinken geärgert hatte, ließ ich mir die Nase operieren. Viel mehr als die neue Nase faszinierte John, dass meine Augen nach der Operation eine Weile zu Schlitzen geschwollen waren. Er sagte ganz begeistert: Cyn, du siehst asiatisch aus!“ Kurze Zeit später lernte er dann Yoko Ono kennen und Cynthia bekam die Scheidungsklage.
John wollte Julian behalten. Cynthia sollte die Schuld auf sich nehmen, auf Geld weitgehend verzichten und zurück nach Liverpool verschwinden.
„Ich kannte ihn ja“, sagt sie ohne Bitterkeit, „Immer wenn er ein schlechtes Gewissen hatte, wurde er ganz besonders brutal. Ich bekam schließlich eine einmalige Abfindung von 100 000 Pfund und – was viel wichtiger war – das Kind.“

Julian war fünf, als seine Eltern auseinandergingen. Cynthia heiratete noch zweimal, und sie wurde noch zweimal geschieden. Beide Ehen startete sie in der Hoffnung, Julian wieder ein gesichertes, harmonisches Heim zu geben.
Cynthia steckt sich eine neue Zigarette an und dreht das Feuerzeug in den Händen. Links sind die rotlackierten Nägel schön lang, rechts alle abgebrochen. Sie ist eben auch Hausfrau.
Die orangefarbene ‚Marmelade‘, eine ihrer drei Katzen, schmust um Cynthias Beine, während sie weitererzählt: „Dann kam Johns Tod. Yoko rief an und wollte Julian sofort bei sich haben. Aber sie verbot mir mitzukommen...“
Hat sie nicht einen Hass auf die Japanerin, die ihr den Mann wegnahm?
Cynthia schüttelt den Kopf. „Ich glaube, sie ist sehr einsam. Sie hat wenige Freunde. Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken.“

Bald nach dem Tod seines Vaters zog Julian nach London und fing an, Musik zu machen.
„Wir hatten es nicht leicht miteinander damals. Er war siebzehn – sowieso nicht das einfachste Alter…“
Juan fiel durch die Mittlere Reife, hatte keinerlei schulisches Interesse mehr und wollte nur noch eines – Musiker werden.
Die Wartezeit für einen Studienplatz an der Musikhochschule verbrachte er auf Wunsch seiner Mutter bei einem Freund, dem Musiker Ray Cooper in London. Sechs Monate später hatte Julian sein eigenes Haus, alle Musik-Instrumente und sein eigenes Studio (finanziert aus dem Lennon-Fond).
Er begann zu komponieren und zu produzieren. Nun war die Musikhochschule kein Thema mehr für ihn.
„Natürlich wurde er umschmeichelt“, sagt Cynthia, „schließlich trägt er nicht nur einen legendären Namen, er sieht seinem Vater auch verblüffend ähnlich. Wie er mich manchmal anschaut, so von oben an der langen Nase entlang – genau wie John! Der gleiche Humor, die gleiche freche Klappe. Mit einem Unterschied: die Grausamkeit fehlt! Julian ist nie wirklich verletzend.“
Der Erfolg für Julian kam ziemlich schnell.
Cynthia hatte das alles ja schon mal miterlebt, damals bei John.

Niemand kann sagen, Julian ‚kopiere‘ seinen Vater. Er hat eben nicht nur die lange Nase und die dichten rundgebogenen Augenbrauen geerbt, sondern auch die Stimme seines Vaters.
„Manchmal“, meint Cynthia, „ist sie geradezu gruselig ähnlich.“
Sie zeigt mir Video-Bänder einer Show in der sie ihren Sohn fürs englische Fernsehen interviewte, später Bänder von Julians jüngsten Auftritten. „Glücklicherweise verträgt er Kontaktlinsen. John und ich haben das nie geschafft.“
Wirklich ist aus dem schmächtigen Jüngling mit unreiner Haut und Ananas-Frisur ist ein äußerst attraktiver junger Mann geworden.

Heute beschäftigt sich Cynthia wieder mit Textil-Design (die Ausbildung dazu brach sie ab, als sie John heiratete) und hat beachtlichen Erfolg. Ihre Muster auf Kleidern und Kopftüchern werden seit kurzem in der Warenhauskette von Jeff Banks verkauft.
Außer mit ihren Katzen teilt sie das Haus mit James Christie, einem treuen Freund seit fünfzehn Jahren. Nach ihrer verpatzten letzten Ehe gestand er ihr plötzlich, dass er vielmehr für sie empfinde als Freundschaft.
„Er ist der erste starke Mann an meiner Seite“, strahlt Cynthia.
Sie ist jetzt 45, wahrscheinlich hübscher als zur Beatles-Zeit, mit verschmitzten schwarzen Augen, weichem Mund und anmutigen Bewegungen.
Sie fühlt sich wohl, das ist ihr deutlich anzumerken.
Ich frage, wie sie es geschafft hat, alles, was hinter ihr liegt, so heil zu überstehen.
Cynthia krault mit der langnägeligen Hand die Katze, schiebt mit der kurznägeligen nachdenklich ihre Brille hoch.
„Ich glaube, das kommt daher, dass ich so behütet aufgewachsen bin. Meine Eltern haben eine sehr harmonische und glückliche Ehe geführt. Ich hatte eine sorglose Kindheit, voller Geborgenheit und Liebe. Sowas gibt Kraft und Halt.“

Empfindet sie es nicht als späten Triumph, dass sie, die abgeschoben und weggedrängt wurde, die am Erfolg von John nicht mehr teilhaben durfte, nun an Julians Erfolg beteiligt ist?
Triumph – das Wort ist zu übertrieben für Cynthia.
„Als Julians erster Hit Too Late For Goodbyes zum ersten Mal im Radio erklang, putzte ich gerade Gemüse. Ich rannte ins Zimmer und merkte plötzlich, wie mir die Tränen übers Gesicht liefen. Es hat schon etwas mit Gerechtigkeit zu tun, dass er das geschafft hat, aus eigener Kraft…! Der Name hätte ihm auch schaden können, wenn er mittelmäßig gewesen wäre. Ich bin“, sagt Cynthia mit breitem Lächeln, „maßlos stolz auf ihn!“

Erschienen im Journal für die Frau