Bedauern Sie keinen leidenden Engel von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Bedauern Sie keinen leidenden Engel

Als Paul seiner Barbara mitteilte, er werde ab Freitagnachmittag eine Segeltour mit den Jungs machen, sie aber im Lauf des Wochenendes wahrscheinlich anrufen, sah sie seufzend ins Fernsehprogrammheft, ob es ein paar gute Filme gäbe.
Sie buchte weder eine Wochenend-Tour nach London, noch rief sie eine Freundin an, um sich fürs Kino oder irgendein Fest zu verabreden.
Das Wetter wurde traumhaft, aber Barbara legte sich noch nicht einmal auf den Balkon – denn da konnte sie das Telefon schlecht hören, und die Schnur war nicht lang genug, um es mit rauszunehmen.
Übrigens rief Paul gar nicht an. Und er war etwas erstaunt über Barbaras Vorwürfe, als er wieder da war.
Es hatte sich halt nicht ergeben, es sei ja auch nicht so fest abgemacht gewesen, schließlich wäre keiner krank oder so was. Und er hatte sowieso geglaubt, Barbara sei nicht zu Hause – bei diesem Wetter...

Als Klara von ihrer Tochter erfuhr, fünf bis sechs ihrer Klassenkameraden würden am nächsten Freitag aus dem Internat mit zu Besuch kommen, zerbrach sie sich sofort den Kopf darüber, wie sie die jungen Leute unterbringen und beköstigen sollte.
Sie lieh ein Klappsofa von der Nachbarin, schleppte ein paar Liegen aus dem Keller, bezog alle Decken, die sie finden konnte, mit frischem Bettzeug und kaufte massenhaft Lebensmittel ein.
Als der Besuch ankam, brachte jeder seinen eigenen Schlafsack mit, und die Ernährungsfrage löste sich überraschend durch etliche Besuche in der nächsten Pommes-Bude.

Beide Frauen waren überzeugt davon, das Beste zu wollen und das Beste zu tun, gar nicht anders handeln zu können – und sie fühlten sich ausgenutzt und waren beleidigt.

Wieso eigentlich? Warum tun wir so oft Dinge, die uns niemand dankt, die eigentlich überflüssig sind, die wir aber für unsere Pflicht halten?

Übertriebene und unüberlegte Rücksichtnahme auf andere ist häufig schuld daran, dass jemand sich nur schwer oder gar nicht entscheiden kann.
Das wird besonders gern kleinen Mädchen eingeimpft: „Die Leute erwarten von einem lieben kleinen Mädchen..“
So ein liebes kleines Mädchen richtet sich sein Leben lang nach den anderen. Und es fühlt sich dadurch nicht nur selbst ziemlich scheußlich, nein, es löst auch in den Mitmenschen Unbehagen aus.

Ein selbstloses, sanftes Wesen, das keinen anderen Wunsch hat, als alle anderen glücklich zu machen, macht die oft gar nicht so maßlos glücklich.
Denn die Märtyrer-Rolle funktioniert nur, wenn Bösewichte in der Nähe sind.
Das ärmste Opfer ist kein Opfer mehr, solange sich keiner zum Herzlos- und Gemeinsein findet.
Also schafft das selbstlose Wesen sich Bösewichte, macht sich unaufgefordert zum Dienstmädchen, überlässt jede Entscheidung anderen und schaut ständig wie ein waidwundes Reh.

Je nach Veranlagung und Sensibilität sind Familie und Freunde entweder tief gebeugt vor lauter schlechtem Gewissen oder zu Tode genervt.
In vielen Märchen und erbaulichen Geschichten der vergangenen Jahrhunderte wird das düstere Opferlos der Frauen genüsslich ausgemalt.
Mich hat seit jeher die Legende jener Genoveva fasziniert, die durch ein enormes Quantum an Leiden berühmt wurden.
Der böse Golo, ein höherer Angestellter ihres gräflichen Gemahls, wollte was von ihr. Und als sie nicht wollte, ließ er sie, während der gräfliche Gemahl sich mit Kriegsdiensten beschäftigte, in den Kerker werfen. Golo erzählte wüste Schauergeschichten über sie und sorgte schließlich dafür, dass sie im Wald ausgesetzt wurde und dort halb verhungerte, bis man sie nach Jahr und Tag endlich aufstöberte. Bald darauf starb sie still und sanft, und ihr Mann war furchtbar traurig, und ihr Sohn war furchtbar traurig, und es ist überhaupt eine sehr traurige Geschichte.

Was, habe ich mich oft gefragt, wäre passiert, wenn Genoveva ihren Gemahl informiert oder jemand anderen um Hilfe gebeten hätte, statt sich still zu fügen?
Sie wäre keine berühmte Sagenfigur geworden, natürlich. Und alle wären weniger traurig gewesen.

Wenn wir nicht hin und wieder unseren eigenen Willen durchsetzen, falls wir es für vernünftig halten, sondern anderen auch dann noch ihren Willen tun, wenn es unvernünftig ist, müssen wir uns selbst die Schuld an allem geben, was entsteht.

Was also hätte Barbara tun können, von der ich anfangs erzählt habe?
Sie hätte sich was Nettes für das Wochenende vornehmen sollen. Dann wäre sie ihrem Paul vermutlich am Sonntagabend braungebrannt und gutgelaunt begegnet, und nicht als vorwurfsvolles Klageweib.

Klara hatte ja die Klassenkameraden ihrer Tochter nicht selbst eingeladen; insofern lag es nicht an ihr für Schlafgelegenheiten und Verpflegung zu sorgen, es sei denn, die Tochter hätte sie ausdrücklich darum gebeten.
In Fällen wie diesen ist es immer besser, sich kurz zu erkundigen, was von einem erwartet wird und dem entgegenzuhalten, was man bieten kann oder will.

Natürlich ist es nicht ratsam, wie eine tollwütige Dampfwalze über andere hinweg zu toben und auf Biegen und Brechen den eigenen Willen durchzusetzen.
Am empfehlenswertesten ist wahrscheinlich die Methode, je nach Situation und Partner mit Verstand, Gefühl und Intuition zu prüfen, wieviel man gibt – und wieviel man nimmt.
Das ist im Endeffekt nämlich ein rücksichtsvolleres Verhalten als das der „leidenden Engel“.

Erschienen im Journal für die Frau