Alles eine Sache des Blickwinkels von Dagmar Seifert

Dagmar Seifert



Alles eine Sache des Blickwinkels

oder: Wie Dagmar Seifert die Menschen sieht, seit der kleine Schneck auf der Welt ist
Früher mochte ich Leute, die humorvoll sind, sich nicht zu affig kleiden, ehrliche Reden führen und etwas von gutem Essen verstehen.
Seit der kleine Schneck da ist, habe ich ganz andere Kriterien.
Ich merkte es zum ersten Mal an der schnurrbärtigen Krankenschwester, mit der ich mich während der Geburt fast geprügelt hätte. (Sie kam mit einer Klistierspritze an, die sie mir verpassen wollte, ich schlug sie ihr aus der Hand und keuchte zwischen den Wehen, sie solle sich das Ding gefälligst selbst verabreichen. Worauf sie schließlich schimpfend damit abzog.)
Nun brachte sie mir am Morgen meinen frisch gewickelten Sohn und bemerkte schmunzelnd, das sei aber ein besonders niedliches kleines Exemplar.
Ich begriff, dass ich sie verkannt hatte. Sie war ja, merkte ich nun, weise und warmherzig – keineswegs die brutale, missgünstige alte Klapperschlange, für die ich sie gehalten hatte.

Es geschah unwillkürlich. Ich hatte nicht geplant, meine Mitmenschen von nun an einzuteilen in annehmbare Personen, die meinen kleinen Jungen zu schätzen wussten, und den klotzköpfigen Rest der Menschheit.
Nach und nach wandelte sich mein Freundes- und Bekanntenkreis.

Meine seit siebzehn Jahren beste Freundin, die den kleinen Schneck kritisch betrachtete und feststellte, er sähe eben aus wie alle Säuglinge, war innerhalb ziemlich kurzer Zeit nur noch meine nächst-nächst-nächstbeste, höchstens.
Eine ältere Nachbarin, die ich immer für eine widerwärtige Klatschtante gehalten habe, an der ich mich möglichst schnell vorbeischlängelte, um bloß nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden, hat neuerdings mehr Glück mit mir.
Ich stehe mir gern viertelstundenlang die Beine in den Bauch, wenn sie sich mit dem kleinen Schneck unterhält – das macht sie wirklich nett, er quietscht vor Vergnügen, während sie mir versichert, wie bezaubernd er ist.

Von Schwager Günther ganz zu schweigen. Zehn Jahre lang verstanden wir uns gar nicht miteinander. Dann trafen wir uns wieder, als Schneckchen etwa ein Jahr alt war.
Er hatte gerade das Kopfschütteln entdeckt und schüttelte jeden an, den er traf, ganz entzückt, wenn zurückgeschüttelt wurde.
Schwager Günther – das wies ihn bereits als Menschen mit Einsicht und Fingerspitzengefühl aus – schüttelte zurück.
Und dann schrieb er kurz darauf unter einen Brief an uns: „... und mit einem herzlichen Kopfschütteln für Schneck!“
Er ist inzwischen mein Lieblingsschwager.

Früher gingen mir, ehrlich gesagt, kleine Kinder oft auf den Wecker.
Ich wurde nervös, wenn ich dieses fortgesetzte Geschrei und Herumgehoppel ertragen musste, und warf den Eltern einen kritischen Blick zu: natürlich reine Erziehungssache! Es gab ja schließlich auch ruhige und nette Kinder.
Noch in der Schwangerschaft erzählte ich einer Cousine am Telefon: „Ich finde es so grässlich, wenn man in eine Wohnung kommt und tritt als erstes auf eine Spielzeugente. Mein Kind wird im Kinderzimmer spielen; es muss ja nicht gleich die ganze Wohnung aussehen wie ein Laufstall...“
Seit ich den kleinen Schneck kenne, weiß ich, dass es nun mal den meisten Spaß macht, gerade auf Mamis Schreibtisch die Bauklötzchen aufzustellen.
Und wenn er mit andächtigem Schnaufen aus allen Holz- und Kochlöffeln eine lange Straße über den Flur ins Wohnzimmer baut, um mir das glücklich zu präsentieren – wer bin ich, das Kunstwerk wieder einzureißen?
Ich kann auch mit einer Gabel umrühren und die Gäste bitten, ein bisschen vorsichtig die Füße zu heben.

Was mir am meisten auf die Nerven geht, sind Leute, die sich zickig anstellen, wenn sie von Schneckchen mit Kakao begossen werden (natürlich aus Versehen, er macht sowas ja nicht mit Absicht, noch nicht).
Oder die zimperlich ihre Brille und den Fotoapparat vor seinen kleinen Forscherhänden retten.
Ich weiß sofort sehr viel über sie und ihren Charakter.
Und eins steht fest: Die kommen als Freunde für mich überhaupt nicht in Frage.
Es ist eben alles eine Sache des Blickwinkels.

Erschienen in Cosmopolitan